Nelumbo- Kurzgeschichte: Lesezeit ca. 15 Minuten -


Bitterer Kaffeegeruch beißt dir in der Nase, übertüncht sogar das Curry aus Pappschalen vom Vorabend, das du nicht mehr weggeworfen hast, weil du zu müde warst. Als du nach Hause kamst, in dein Zimmer, das dich manchmal an den winzigen Schuhkarton deiner Stofftierbettstätten aus Kindertagen erinnert, war es spät gewesen. Niemand hatte auf dich gewartet, nur das wiederkehrende Heulen der Polizeisirenen auf der Hauptstraße, das Ehegeschrei deiner Nachbarn zwei Türen weiter links, die ihren Fernseher und ihre Krise niemals ausschalteten, und das Platschen der Reifen der Doppeldeckerbusse, die durch die Pfützen vor der Haustür deines Wohnblocks abfahren. Der Krach stört dich nie, denn du hast längst vergessen, wie Stille klingt.

Jetzt öffnest du die Augen und riechst den Kaffee, den du dir gleich im Café im Untergeschoss deines Wohnhauses holen wirst, bis hinauf durch dein geöffnetes Kippfenster. Es ist das einzige Fenster in deiner Wohnung, aber du hast es noch nie geschafft, nach draußen zu sehen. 

Heute kaufst du einen belegten Bagel zu deinem Kaffee, denkst du, als du aufstehst, deine Zähne putzt, deine Socken überstreifst und deinen knitterfreien Anzug aus dem Wandschrank nimmst. Du beschließt, die braune Krawatte mit dem Firmenlogo gegen die schwarze einzutauschen, denn heute hast du einen wichtigen Termin im Büro. Du willst selbstsicher, vertrauenswürdig und seriös wirken. 

Im Hausflur siehst du deine Nachbarin. Ihr grüßt euch mit höflichen Belanglosigkeiten. Sie, wie immer frisch gepudert, frisiert und die endlosen langen Beine in einem engen Bleistiftrock, trägt eine neue Handtasche — das fällt dir sofort auf. Du hast sie noch nie gefragt, wo sie arbeitet.

Der Kaffee schmeckt wie jeden Tag: heiß, stark, Zunge verbrannt. Der Barista schlägt dir vor, etwas Sojamilch hineinzugeben, schließlich sei es wichtig, auf die Gesundheit zu achten, auf den Milchzucker, auf das Leiden der Kälber im Mutterleib. Du kannst Sojamilch nicht leiden, sagst aber trotzdem Danke und bezahlst. Im Bus, mit dem du zur nächsten U-Bahn-Station fährst, lässt du den Becher auf dem leeren Sitz neben dir stehen. 

Die schwarzen Schächte der Untergrundbahn und das stete Rattern machen dich schläfrig. Um dich abzulenken, wippst du mit deinem Aktenkoffer auf den Knien auf und ab. Der Mann im Wollmantel dir gegenüber, das Revers hochgeklappt, mustert dich ernst und du hörst auf, mit den Beinen zu wippen. Du willst nicht aus der Reihe fallen. 

Im Herzen der Stadt steigst du aus, mit dir fünfzig oder hundert andere. Zusammen hastet ihr durch die drückende Luft zurück ans Tageslicht. Es regnet, aber du hast deinen Schirm schon in der Hand, denn das ist es, was du immer tust. Wie die Regenschirme deiner Mitläufer ist auch dein Modell schwarz. Es schützt deinen knitterfreien Anzug, der dir jeden Tag mehr um die Mitte spannt. Dir war immer klar, dass du deinen athletischen Körperbau aus der Universitätszeit nicht würdest halten können, schließlich spielst du nicht mehr viermal wöchentlich Volleyball – damals hast du auch auf dein allabendliches Glas Rotwein verzichtet, das von Montag bis Sonntag immer voller zu werden scheint.  

Du eilst zu dem hohen Backstein-und-Glas-Gebäudekomplex, der am Anfang der nächsten Straße steht. Zweimal gehst du mit der Menge über rote Ampeln, schaust gar nicht mehr nach rechts und links, weil das niemand tut.

Im Büro schmeckt der Kaffee nicht nach Soja, denn heute gibt es eine Matcha-Grüntee-Mischung in der Gemeinschaftsküche, und du entscheidest dich dafür, den Lunch mit den Kollegen, deren Namen du nicht weißt, ausfallen zu lassen, weil eure Kantine heute schwarzen Quinoa mit Grünkohl und Räuchertofu serviert. 

Du hast noch viel Arbeit auf dem Schreibtisch. Dein Computer erinnert dich nach deinem Mittagssandwich mit Mayonnaise und Salami daran, dass du in zehn Minuten ein Gespräch mit deinem Vorgesetzten hast. Deine Krawatte sitzt. 

Dein Vorgesetzter ist fünfzehn Jahre jünger als du. Seit achtzehn Monaten leitet er das Unternehmen, während du schon fünfunddreißig Jahre hier bist. Du hast gehört, dass er ein eigenes Haus auf dem Land hat. Genau wie du hat er keine Frau, dafür einen Porsche, einen Gärtner, ein Rennpferd, ein Ferienhaus auf den Seychellen und Diabetes Typ II. Du beneidest ihn ein bisschen, aber das würdest du niemals zugeben. 

Euer Gespräch findet in seinem Büro statt, eingerahmt von Glaswänden. Aus dem Fenster hinter seinem Arbeitsplatz kann er die ganze Stadt überblicken. Du kannst sogar, wenn du die Augen zusammenkneifst, das Gebäude erkennen, in dem du wohnst. Ob dein Vorgesetzter weiß, dass er, würde er wollen, mit seinem Daumen das Dach deines Wohnhauses eindrücken könnte?

Er sitzt mit dem Rücken zum Fenster und bietet dir ein Glas Wasser mit frischen Gurken- und Zitronenscheiben an. Du setzt dich in den weißen Ledersessel vor seinen Stahlschreibtisch und merkst, dass dein knitterfreier Anzug allen Werbeversprechen zum Trotz eine Falte am rechten Ärmel hat. Dein Vorgesetzter trägt helle Jeans und ein legeres rotes Hemd zu seinem offenen blonden Haar. 

Es kribbelt in deinem Nacken, als er sein Telefon ausschaltet und die Tür noch einmal öffnet, um einen dritten Gesprächsteilnehmer einzulassen. Schweiß rinnt deinen Rücken hinab und sammelt sich um deinen Hosensaum. Du trinkst einen Schluck Gurken-Zitronen-Wasser und hörst, wie hohe Absätze durch den Raum tapsen. Dann sitzt, wie durch ein Fingerschnippen, deine Nachbarin neben dir und lächelt dich an. Ihre Augen sind grau und leer, denkst du. Du lächelst irritiert zurück.

Eine lange Zeit sind Sie schon hier, sagt dein Vorgesetzter. Du nickst zustimmend, jetzt schwitzt du auch auf der Stirn. 

Lange Zeiten gehen manchmal schnell vorbei, plaudert er, während deine Nachbarin ihre langen Beine überschlägt. Sie trägt keine Strumpfhosen. 

Ich bewundere Kurzweile, Schnelligkeit, Modernität, hörst du deinen Vorgesetzten sagen. Wir brauchen Veränderung. 

So geht es zehn Minuten weiter, in denen du dich fragst, warum du hier bist. 

Nutzen Sie diese Veränderung als Chance, sagt dein Vorgesetzter, schwingt das blonde Haar zurück und reicht dir seine Hand entgegen. Als sein Monolog endet, wartest du noch auf die Pointe. 

Du stehst auf, nimmst seine kalten Finger in deine nassen, schüttelst sie. Danke für Ihr Verständnis, sagt er leichthin und deine Nachbarin mit der neuen Aktentasche öffnet dir die Bürotür, schmunzelnd, weil sie heute zu ihrer Tasche auch einen neuen Schreibtisch bekommen hat. Keine Ursache, antwortest du, nimmst deine eigene Aktentasche unter den Arm und gehst zurück an den Schreibtisch, der dir nicht mehr gehört. 

Drei Kollegen kommen vorbei. Sie laden dich auf einen Feierabend-Cocktail ein. Du sagst zu, wie du es immer tust, denn sie merken nie, dass du nicht dabei bist. Jemand ruft dich mit einem falschen Namen und du winkst zurück. Als du Feierabend machst und die Lampe an deinem Arbeitsplatz ausschaltest, erinnert nichts mehr daran, dass dieser Platz dir mehr als die Hälfte deiner Lebenszeit weggenommen hat. 

Draußen auf der Straße ist es noch warm, obwohl es spät ist. Es regnet nicht mehr, aber du behältst den Schirm in der linken Hand, während du mit der rechten deine Aktentasche festhältst. Deine Füße tragen dich gen Hauptstraße, auf der es den Schnellimbiss mit den Currys in Pappschalen gibt, und von wo die U-Bahn abfährt, die du jeden Tag nimmst, um nach Hause zu kommen. Es ist voll auf dem Gehweg, Menschen drängen sich nah an deine Seiten. 

Ihr müsst warten, um das Abfallfahrzeug durchzulassen, das die Kreuzung versperrt. Der Abfallwagen rollt vorüber, die Menge setzt sich in Bewegung, aber du bleibst stehen. Auf der anderen Straßenseite erregt etwas deine Aufmerksamkeit.

Sie trägt ein leuchtend violettes Kleid mit Sonnenblumenmuster. Vor sich her schiebt sie einen Kinderwagen, hellblauer Stoff umspannt das Gestell, an ihrer linken Seite baumelt ein prall gefüllter Einkaufskorb mit Äpfeln, Petersilie, einem Kohlkopf, einem Strauß Blumen. Ein Spitzensaum ziert das Verdeck des Wagens, winzige Kinderfinger umklammern den Zipfel einer goldgelben Decke, und jetzt hörst du, über das Rauschen und Platschen und Heulen der Fahrzeuge hinweg, dass die Frau ein Lied summt. Schnell schaust du nach unten, denn du willst nicht, dass sie bemerkt, dass du sie beobachtest. Das Lied wird lauter, langsam kommt sie vorwärts. Sie hat eine weiche, volle Stimme, aber du erkennst die Melodie nicht. Ganz sicher hast du sie schon oft gehört, aber die Titel der Musikstücke, die heute modern sind, klingen für dich alle gleich. Aus ihrem Mund gefällt dir das Stück sehr gut. Da geht es um Farben, denkst du, und hörst zu, den Blick auf deine Schuhe auf dem nassen Asphalt gerichtet. 

Dann ist sie ganz nah bei dir, sie summt von Wellen, Wasser, einer Melodie im Ohr – Verzeihung, Verzeihung!, hörst du sie rufen und schaust auf. Sie hat grüne Augen, das fällt dir sofort auf. Ihr Einkaufskorb liegt auf dem Gehweg, daneben dein Schirm und deine Aktentasche, Blumenerde über deinen Schuhen, ein matschiger Fleck an deinem Ärmel, direkt über der knitterfreien Falte. 

Verzeihung, ruft sie noch einmal, das Kind in ihrem Kinderwagen lacht vergnügt und strahlt dich an. Du sagst nichts, stehst stumm da und nimmst das Taschentuch entgegen, das sie dir reicht, weil sie dir sagen will, dass sie dich nicht mit Absicht angerempelt hat. 

Keine Ursache, bringst du hervor und gibst ihr das Tuch zurück. Deine Tasche hebst du nicht auf. Ihr Kleid steht ihr gut.

Hier, sagt sie, und drückt dir etwas aus ihrem Korb entgegen, den sie sich wieder über die Schulter schwingt. Nehmen Sie, bitte – als Entschuldigung. Der Anzug war sicher teuer. Seien sie nicht allzu böse mit mir, ja? 

Wie jung sie ist, denkst du. Wie schön ihre Stimme ist. Erst als sie ihren Kinderwagen mit wippenden Hüften von dannen schiebt, senkst du den Blick auf das, was sie dir geschenkt hat. 

Ganz plötzlich kommt dir die Welt schwarz-weiß vor. Als würdest du das Geschehen wie das Bild in dem alten Fernseher deiner Großmutter sehen, das Rauschen über allen Gesichtern um dich her, die Stimmen ein unverständlicher Strom aus Lauten, die du nicht voneinander unterscheiden kannst. In deinem Blick spiegeln sich die länglichen, weiß-roten Blätter der zarten Blüte, die du zwischen deinen geöffneten Handflächen hältst. Etwas strömt dir in die Nase, das du nicht benennen kannst. Zum ersten Mal riechst du etwas, das dir völlig unbekannt ist. Unbewusst neigst du den Kopf hinunter, führst deine Handflächen deiner Nase entgegen. Warm, würzig, süß, berauschend. Tief und lang ziehst du den Duft in deine Lungen, füllst deinen Brustkorb, schließt die Augen. Zwischen deinen Händen liegt Geborgenheit, ruhen exotische Welten, explodiert liebliche Sinnlichkeit. Du schaust wieder hin. Der gelbe, saftige Stempel in der Mitte ragt kühn zwischen den Blättern hervor. 

Über dir bricht der Himmel auf, der Regen prasselt auf dich und die Blüte im Becken deiner Handflächen hinab. Das Wasser perlt von ihr ab. 

Wie seltsam, denkst du, und jetzt erreicht dein Lächeln deine Augen. 

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Wissenswertes

Diese Kurzgeschichte entstand 2016 während einer langen U-Bahn-Fahrt in London. Mit Nelumbo, dem Namen dieser Geschichte, bezeichnet man auch die Lotosblume.

Der Lotos ist vor allem in Asien ein Symbol für Klarheit, Reinheit, Erleuchtung, Schöpfung, da die Blütenblätter Schmutz abweisen können. Buddhisten erkennen den Lotos als Sinnbild für den steten Lauf der Zeit: Aus den Wurzeln, die fest und ungesehen im Schlamm stecken, wachsen nach und nach die wunderschönen Blüten, die sich nach außen schließlich zeigen.

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