Atempause- Kurzgeschichte: Lesezeit ca. 10 Minuten -


Ihr Gesicht ist weiß, manchmal grau, einmal war es blau. Wie klein und verloren sie aussieht zwischen den verwaschenen Laken, eingefallen und müde. Sehnige Hände liegen schlaff auf ihrer Bettdecke, sie hat die Augen geschlossen. Rasselnd geht ihr Atem, das Geräusch ist beklemmend. Hilflos stehe ich an ihrer Seite.

Atemzug. Pause. Atemzug. Pause. Atemzug. Pause.
Sie weiß nicht, dass ich da bin, ich will sie nicht wecken. Nicht jetzt, wo sie ruhig daliegt, wo sie endlich die Kraft gefunden hat, in den Schlaf zu sinken. Atemzug. Pause.

Langsam, um möglichst kein Geräusch zu machen, ziehe ich den Plastikstuhl neben ihr Bett, setze mich und starre, starre in ihr Gesicht und frage mich, wie es so weit kommen konnte. Tränen brennen auf meinen Wangen. Wie seit Wochen schon. Die Anstrengung, meine Hand zu heben und sie fortzuwischen, kann ich nicht aufbringen. Mama, denke ich, und muss mich schütteln.

Mama, will ich rufen, und tue es doch nicht. Mama, verlass mich nicht. Sie stöhnt im Schlaf, wieder rasselt ihr Atem. Ein. Aus. Pause.

Die Schläuche, die in ihrer Armbeuge stecken, sehen grotesk, makaber aus. Ich möchte sie herausziehen, um meine Mama von ihren Qualen zu erlösen, ihre weiche Haut von den Nadeln zu befreien. Sie tun ihr weh, ich weiß es, denn selbst im Schlaf zieht sie die Augenlider fest zusammen, hat den Kiefer angespannt – so tut sie es immer, wenn sie Schmerzen hat. Atemzug. Pause.

Ich habe ihren Schmerz oft gesehen, habe ihn gefühlt, habe ihn angeschrien, habe ihn geprügelt, habe ihn verflucht. Doch er kommt zurück, immer wieder, ohne Gnade. Ich kann sie nicht mehr ansehen. Mir ist heiß unter dem hellgrünen Kunststoffkittel, den ich tragen muss, wenn ich sie besuche. Schweiß sammelt sich in meinen Armbeugen und mir wird schlecht. Ich drehe mich auf dem Plastikstuhl, weg von ihr, mit dem Gesicht nach draußen, dem Nebel zugewandt, der vor dem Fenster seine Bahnen treibt. Ich höre sie hinter mir. Atemzug. Pause. Atemzug. Pause. Pause. Pause – wo ist der nächste Atemzug?

Sie keucht im Traum, dann atmet sie wieder ein.

Mein Atem beschlägt die Fensterscheibe. Ein matter Film bleibt für ein paar Sekunden kleben, ehe er von seinem Mittelpunkt wieder nach Innen gezogen wird, immer kleiner, und schließlich ganz verschwindet. Ich hauche das Glas wieder an, beobachte das Wachsen und Schrumpfen meines Atemrauchs. Nicht denken. Mama nicht ansehen.

Atemzug. Pause. Atemzug.

Ich lasse die Stirn gegen die Scheibe sinken, fahre mit dem Zeigefinger daran entlang. Genau so saß Mama am Fenster, an diesem einen Tag. Sie hatte an der Scheibe gesessen, so wie ich jetzt, war mit dem Finger durch den Film ihres Atems gefahren und hatte eine fettige Spur hinterlassen. Sie versuchte, mit dem Ärmel ihres viel zu großen Wollpullovers über den Fleck zu wischen, wie sie es immer tat, wenn sie Unordnung angerichtet hatte, doch es half nichts. Dieser Tag, an dem sie den Fleck nicht von der Fensterscheibe wischen konnte, war der Tag, an dem sie langsam verschwand. Da war diese Wut in ihren Augen, die in ihrer Kehle aufkochte und ihr die Augenlider verbrannte, wenn die Tränen kamen.

Ihre Hände waren eiskalt in meinen, als ich zu ihr rannte. Mama, Mama, lass mich dir helfen, weinte ich, doch sie vergrub ihre Träume und Hoffnungen in den Blumenbeeten im Garten hinter unserem Haus.

Sie hat die Augen jetzt geöffnet, ich spüre es, doch ich will mich nicht umdrehen. Sie atmet sehr lang und tief ein, und dann dauert es eine Ewigkeit, bis sie die Kraft sammelt, wieder auszuatmen. Ich zittere.

Sie spricht nicht und auch ich bleibe still, abgewandt auf meinem Stuhl, meine Schutzmauer aus Plastik. Ob sie wohl geträumt hat? Kann sie das noch, unter den dünnen Lidern Traumbilder sehen, Sehnsüchte verdichten? Ich könnte sie fragen, ihre Hände greifen und über ihre papierne Haut streichen.

Mama ist eine große Träumerin gewesen, damals. Ein Traum erwächst aus dieser einen Knospe, wenn sie noch unreif, hart und unscheinbar an ihrem kahlen Ast hängt, erzählte sie mir oft, während sie mir das Haar bürstete. Mit jeder Sekunde, die der Traum gedeiht und Form annimmt, wird die Knospe größer, geschmeidiger, sagte Mama. Sie wagt sich vor, öffnet vielleicht leise und sacht eines ihrer Blätter – bis sie schließlich, und oft ganz unerwartet, zum ersten Mal das Tageslicht erblickt. Sie sieht nach links. Dann nach rechts. Schiebt sich weiter vor. Und dann öffnet sie sich ganz, gibt sich hin, steht mutig und stolz in voller Blüte. Es ist ein langer Weg, bis aus einem Funken ein ganzer Baum voll blühender Schönheiten wird. Doch das bedeutet nicht, dass es jemals vergebens ist, zu träumen. Verstehst du das, mein Schatz?, fragte sie. Es bedeutet, dass du nicht nur träumen darfst, wenn du schläfst.

Ihre Worte, damals, Balsam für meine Kinderseele, wie zu viel Honig verstrichen auf einer Scheibe Butterbrot. Ob Mama noch weiß, dass ihr ganzes Dasein einmal aus Traumbildern und Hoffnungsschimmern bestand? Oder haben Schmerz und Furcht sie ihrer Kraft zum Träumen beraubt, egal ob sie wach oder schlafend in diesem Zimmer liegt?

Als ich mich zu ihr umdrehe, hat sie die Augen wieder geschlossen, die Lider verkrampft, sie atmet hastig, das Wachsein hat sie aufgewühlt. Ihre rechte Hand liegt ganz nahe an der Bettkante, zu mir hin, in meine Richtung deutend, gerade so, als hatte sie meine Finger berühren wollen, nur um mir noch einmal zu zeigen, dass noch ein letzter Hauch Leben in ihr steckt.

Flüchtig berühre ich ihre Fingerspitzen, als ich gehe, wünsche mir, dass sie meine Liebe spürt, dass sie meinen Trost empfängt. Obwohl sie wach ist, hält sie mich nicht auf. Da, ich höre ihn, noch einen langen Atemzug. In der Pause bin ich schon im Treppenhaus.

Am nächsten Tag ist ihr Zimmer leer. Die Schläuche, die gestern noch in ihrer Armbeuge steckten, baumeln wie vertrocknete Schlangenhäute von der Bettkante herab. Das Piepen und Glucksen der Geräte, die Mama gestern noch Gesellschaft geleistet haben, ist verstummt. Die zerwühlten, feuchten Bettlaken wurden noch nicht gewaschen. Scham drückt sich durch meine Kehle nach oben. Ich muss schlucken.

Ein neues Bett steht im Raum, darin ein Mädchen, etwas jünger als ich, schmal, blass wie Mama. Sie ist allein. Ihr Bett steht näher am Gang und der Toilettentür. Der Platz im Patientenzimmer zwischen Krankenhausflur, der nichts Gutes bedeutet, und dem Fenster, durch das man von dort kaum sehen kann. In der Schwebe zwischen weißen Kitteln und weißen Wolken.

Auf ihrem Nachttisch steht ein Tablettenröhrchen, ein volles Glas Wasser, ein Teller mit Zwieback. In ihren Armen stecken keine Schläuche, keine Geräte beobachten ihre Bewegungen, aber sie hat ein dickes Pflaster in der Armbeuge, einen Verband um die Stirn. Sie hat blondes Haar und sie ist jung, viel zu jung. Aber ich klammere mich fest an ihrem Atem, der aus ihren leicht geöffneten Lippen dringt. Sie saugt die Luft durch die Nase ein, stößt sie durch den Mund wieder aus. Ein kleiner Speicheltropfen hat sich auf ihrer Unterlippe gebildet. Ich hebe die Ecke meines Pulloverärmels und tupfe ihn ab. An meinem Handrücken fühle ich es: Ein. Aus. Atemzug. Pause. Atemzug. Pause. Atemzug.

Möchtest du eine Geschichte hören, sage ich zu ihr. Ich kann dir eine Geschichte erzählen. Sie atmet ruhig an meiner Hand. Ich streiche ihr über die kühle Stirn, das Haar, nehme ihre Hand in meine. Ein Traum erwächst aus dieser einen Knospe, wenn sie noch unreif, hart und unscheinbar an ihrem kahlen Ast hängt, beginne ich und beobachte, wie ihre Lider flackern. Mit jeder Sekunde, die der Traum gedeiht und Form annimmt, wird die Knospe größer, geschmeidiger, sie wagt sich vor, öffnet vielleicht leise und sacht eines ihrer Blätter – ich halte inne. Das Mädchen öffnet ihre Augen, sie sind vom Schlaf verklebt. Ihre Finger greifen um meine Hand, als würden wir uns schon ewig kennen. Sie neigt ihr Kinn nach unten, es ist ein Nicken. Eines Tages, oft ganz unerwartet, öffnet sie leise und sacht ihre Blütenblätter, fahre ich fort. Sie erblickt zum ersten Mal das Tageslicht.

Mir steigen Tränen in die Augen. Das Mädchen hält mich fest mit ihrem Blick, ihre Finger pressen kräftiger.

Und dann steht die Knospe mutig in voller Blüte. Aus ihrem Funken wird ein ganzer Baum voll blühender Schönheiten.

Meine Stimme versagt. Ich huste, das Mädchen streicht mit ihrem Daumen schwach über meinen Handrücken. Wir lassen uns nicht los. Atmen im Gleichklang.

Ein. Aus. Pause.

Vor dem Fenster wächst ein Kirschblütenbaum.

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Wissenswertes

Diese Geschichte entstand 2020 für einen Kurzgeschichtenwettbewerb. Ein Moment, der den Atmen stocken lässt: Das war das Thema dieses Wettbewerbs.

Ich hoffe, dass dir "Atempause" einen Hoffnungsschimmer schenkt, vor allem in schweren Zeiten.

Die Geschichte blieb unplatziert.