Was ich dir noch sagen wollte- Kurzgeschichte: Lesezeit ca. 15 Minuten -


Im Zug nahmen sie einander gegenüber an einem Viersitzer Platz. Als der Wagen mit den Getränken und Imbissen kam, bestellten sie sich, was sie für die lange Fahrt benötigen würden: zwei Becher schwarzen Tee mit Kondensmilch, ein Eiersandwich für sie, Schinken-Speck und Gurke für ihn, einen Viertelliter Rotwein mit zwei Plastikkelchen, zwei Scheiben Früchtekuchen, Cracker, Käsewürfel, eine Tüte geröstete Pistazien. Sie säuberten sich die Hände mit Einmal-Hygienetüchern, breiteten Servietten auf dem Tisch zwischen sich aus, zerteilten die Sandwiches in mundgerechte Häppchen und ließen es sich schmecken. 

Danach vergrub er seine Nase hinter der Tageszeitung und lockerte die Krawatte, während sie derweil ihren Wein austrank, ein Kreuzworträtsel in einem Magazin löste und hin und wieder die schneebedeckte Berglandschaft musterte, die draußen vorbeirauschte. 

Es war eine fünfstündige Fahrt von Schottland nach London King’s Cross, doch sie schienen still darüber eingekommen zu sein, lange Meilen nicht mit unnötigen Worten zu füllen. Vielleicht hätten sie nur der Fahrt wegen versucht, höfliche Konversation zu machen. Da so eine Unterhaltung aber auch nicht an ihrem ehelichen Frühstückstisch stattfand, sahen sie keinen Grund, jetzt damit anzufangen. Vom Wein ein wenig rot im Gesicht, half er ihr gewissenhaft in den Mantel, als der Zug in King’s Cross einfuhr. 

Sie stiegen nacheinander aus dem Waggon, er mit einem sauber gepflegten Reisekoffer aus Leder, sie mit einer Handtasche aus Samt über der Schulter, die gut als Abendtäschchen hätte durchgehen können. Obwohl es bis zu ihrem Hotel keine Meile war, und man das öffentliche Verkehrsnetz der Stadt hätte nutzen können, stiegen sie in ein schwarzes Taxi und unterhielten sich mit dem Fahrer über den andauernden Regen, die nervenaufreibende Politik und die Inflation, und gaben ihm ein gutes Trinkgeld, ehe sie wieder in ihr Schweigen verfielen, als sie vor der Rezeptionistin im Empfangssaal des Hotels standen. 

„Eine Reservierung?“, fragte die junge Frau, blondes, hoch aufgetürmtes Haar zu einer blauen Uniform samt Seidenschal und pastellfarbenem Lippenstift. 

„Ein Doppelzimmer, Mr. und Mrs. Weetherspoon“, sagte er, „nur eine Nacht.“ 

„Familienbesuch?“, erkundigte sich die Rezeptionistin, ohne ihn anzusehen, während sie nach der Reservierung sah, eine Rechnung druckte, ein Formular hervorzog und einen altmodischen Messingschlüssel über den Tresen schob. Die Zimmernummer baumelte an einer Plakette. 

„Unsere Tochter“, antwortete Mrs. Weetherspoon tonlos zu ihren Füßen, „es ist lange her.“ 

„Wie nett“, meinte die Rezeptionistin, „Zimmer sieben, die Bar ist bis elf Uhr geöffnet, Frühstück von sechs bis neun, bitte keine Zigaretten auf den Zimmern, wenn sie etwas benötigen, die Rezeption ist rund um die Uhr besetzt.“

Sie fuhren mit dem Aufzug nach oben. Ihr Zimmer zeigte auf einen ruhigen Innenhof, eine Seltenheit in der Stadt der ewig jodelnden Polizeiwagen und Touristenzüge. Sie verstauten ihr Gepäck in einem schmalen Schrank, ohne es auszupacken. Dann hakten sie einander unter, fuhren wieder in die Halle und traten hinaus auf die Straße. 

Mittlerweile war es dunkel. Sie kehrten in ein einfaches Restaurant am Ende der Straße ein, aßen trockenen Toast zur Vorspeise, es folgte eine Portion Fleischpastete, die sie sich teilten. Mrs. Weetherspoon übersah, dass man vergaß, ihr den bestellten Weißwein an den Tisch zu bringen. Sie legte ihre Gabel neben den Teller und die freie Hand auf den Arm ihres Mannes. 

„Es ist Zeit.“ 

„Schon?“

„Wir wollen nicht zu spät sein.“ 

Ein weiteres Taxi und ein weiteres gutes Trinkgeld brachten sie zum Vaudeville Theatre. 

„Die Karten?“, fragte der Platzanweiser in der Lobby. 

Sie saßen hoch oben in den Rängen, die einzigen Plätze, die sie sich hatten leisten können. Keiner von ihnen verstand, worum es ging: Da war ein Riese in einem Garten voll Eis und Schnee; Kinder, die der Kälte trotzen; Tänze, Spiele, einen Kuss, jede Menge Trauer und ein poetisches Ende unter einem Apfelbaum.

Mr. und Mrs. Weetherspoon hatten kein Gespür für die Kindergesichter, keine Augen für den Riesen in seinem Garten, keinen Blick für die aufwendige Kulisse oder die Kostüme der Schauspieler. Ja, sie gingen zwar seit dreißig Jahren jedes Jahr ins Theater, hatten die Klassiker, die Komödien, die Dramen, sogar die modernen Geschmacklosigkeiten gesehen, und doch konnten sie nicht beurteilen, ob sie nun eine gute oder eine schlechte Aufführung sahen. Sie saßen nur in der letzten Reihe ihres Rangs, hielten sich so fest an den Händen, dass ihre Knöchel weiß nebeneinander aufragten wie schneebedeckte Bergspitzen, lauschten der Musik und warteten auf das Ende. 

Als der Vorhang zum dritten Mal fiel, lösten sie die Hände nicht voneinander. Mrs. Weetherspoon lief eine Träne über die Wange. 

„Warum war sie nicht da?“ 

„Ich weiß es nicht.“ 

„Aber sie sollte doch…“ 

„Ja, vielleicht…“ 

„Es ist doch immer am Ende…“

„Nach dem letzten Vorhang.“

„Ja, nach dem letzten.“ 

„Sie holen sie immer auf die Bühne. Den Dirigenten.“ 

„Immer.“ 

„Warum nicht heute?“ 

„Vielleicht ist sie krank.“ 

„Sie ist nie krank.“ 

„Oder sie haben die Regeln geändert.“ 

„Die ändern die Regeln nicht. Das war schon immer so.“

Grummelnd schoben sich die Menschen aus der Reihe an ihnen vorbei. Das Licht ging an. 

Ein Rascheln, dann zog Mr. Weetherspoon aus seinem Jackett das Programmheft hervor. Er blätterte. Seine Frau rührte sich nicht. 

„Ich kann sie nicht finden.“ 

„Wie?“

„Sie steht nicht hier drin.“ 

„Hast du die richtige Vorstellung ausgesucht?“ 

„Natürlich habe ich das.“ 

„Dann muss sie da sein.“ 

„Ihr Name steht hier nicht.“ 

„Dann sieh genauer nach. Bitte.“ 

„Sie ist nicht hier.“ 

„Sie muss aber. Sie muss.“ 

Ein Platzanweiser bat sie, die Reihe zu räumen und den Vorführraum zu verlassen. Mrs. Weetherspoon zog sich das Samttäschchen über die Schulter und drückte sich ein Taschentusch an den Mund. Ihr Mann folgte ihr, hängende Schultern, den Blick zu Boden gerichtet, seine Schuhe schlurften über den Boden. In der Lounge trödelten sie herum. Als die ersten Darsteller das Gebäude verließen, waren sie die letzten aus dem Publikum. Mr. Weetherspoon trat an die Bar. 

„Entschuldigen Sie, Sir. Wer hat heute Abend dirigiert?“ 

Der Barkeeper, der gerade seine Schürze unter dem Tresen verstaute und sich auf den Feierabend freute, schüttelte den Kopf. 

„Steht doch im Programm.“

„Aber, Sir, meine… jemand, den ich kenne, sollte heute Abend dirigieren. Eloise Weetherspoon. Aus Inverness.“ 

„Eloise? Die hat aufgehört.“

„Was meinen Sie?“

„Ich glaube, sie ist letzten Sommer krank geworden.“ 

„Krank? Was fehlt ihr?“

„Ich weiß nicht, irgendwas mit ihrem Gehör. Jedenfalls kann sie nicht mehr arbeiten. So heißt es jedenfalls hier bei uns im Theater. Schade eigentlich, sie war wirklich gut. Also, ihre Musik, meine ich. Talentiert.“

„Wo ist sie denn jetzt?“ 

Der junge Mann sah ihn mitleidig an, zuckte die Schultern hoch und schüttelte abermals den Kopf. 

„Ich kann Ihnen nicht helfen, Mister. Wo geht man schon hin, wenn man nichts mehr hören kann und von der Musik gelebt hat?“

Man schickte sie hinaus.

In der Kälte blieben sie nebeneinander auf dem Platz stehen, sahen sich nicht an und hielten die Hände weit voneinander entfernt. Die letzten Theatermitarbeiter tröpfelten aus den Doppeltüren, ehe sich einer der beiden entschließen konnten, jemanden anzusprechen. 

Irgendwann wandten sie sich ab, fuhren zurück ins Hotel und früh am Morgen zurück zum Bahnhof King’s Cross. Ihr Gepäck verstauten sie im Abteil, dann setzten sie sich schweigend. 

Immer wieder blätterte Mr. Weetherspoon durch das Programmheft, die Ecken waren aufgeweicht und schmuddelig. Seine Frau sah weg, aus dem Fenster, vorbei an den Bergketten, die auftauchten und verschwanden, vorbei an den Seen und Tälern. Sie hatten keinen Appetit und verzichteten auf den Imbiss. 

Es tut mir leid, wollten sie einander sagen, hatten es schon lange sagen wollen, aber es kam ihnen nicht über die Lippen. Es tut uns leid, hatten sie ihrer Tochter sagen wollen, doch seit dreißig Jahren konnten sie nicht aussprechen, was ihr einziges Kind nun nie mehr hören würde. 

Ich habe euch alles gesagt, dachte Eloise, die in einem Krankenbett lag und Frieden in der Musik gefunden hatte.  

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Wissenswertes

Diese Kurzgeschichte entstand 2019 auf einer Zugfahrt von Edinburgh.

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