Slow Down: Scroll Less, Read More- Elisaveta, Chefredakteurin von The Fernweh Co., über ihr Herzensprojekt -


Sie ist Chefredakteurin des Reisemagazins The Fernweh Collective, Autorin und Verlegerin. Welche Themen sie am meisten bewegen? Leben nach eigenen Maßstäben und das konstante Hinterfragen des Schwarz-Weiß-Denkens, das in unserer Zeit sehr verbreitet ist. Und natürlich liebt sie das Reisen – seit über fünfzehn Jahren ist sie sich dieser Leidenschaft treu. Mit Julia (schon lange große Fernweh Co. Anhängerin) sprach Elisaveta über ihre Begeisterung für gute Reisegeschichten und achtsames Reisen in lauten Zeiten.

Elisaveta, wie bist du auf die Idee gekommen, ein Print-Magazin gründen?

Auf Umwegen! (lacht) Mehrere Jahre bevor die erste Printausgabe von The Fernweh Collective erschienen ist, als ich noch Jurastudentin war, wurde das Reisen zu einem wichtigen Begleiter in meinem Leben. 2013 entschied ich mich, auch meinen beruflichen Fokus darauf zu legen, gründete einen Blog für Reisefotografie und reiste als Fotografin um die Welt. Daraus wurde relativ schnell ein e-Magazin, das immer mehr Leser fand, und schließlich eine Printzeitschrift mit demselben Konzept. Es war ein fließender Prozess mit viel Lernen.

Und wenn du das Magazin The Fernweh Collective in drei Worten beschrieben würdest…

Reisen. Umwelt. Umdenken.

Welche Reisegeschichten liest oder schreibst du denn am liebsten?

Eine Geschichte, die mir etwas bedeutet, hat immer mit Beobachtungen zu tun, die universell sind und sich auf alle Länder und Kulturen übertragen lassen. Eine wirklich gute Reiseerzählung schafft Verbindungen, wo man keine vermutet, und hilft dabei, die Welt als ein Ganzes ohne die künstlich erschaffenen Grenzen zu begreifen.

Woher nimmst du die Begeisterung, an eurem Print-Magazin zu arbeiten?

Das überwältigende Feedback unserer Leser ist natürlich eine große Quelle, die mich antreibt – The Fernweh Collective trifft einen Nerv und wir sind dankbar, so ein offenes, begeistertes Publikum an unserer Seite zu haben. Aber ohne die Liebe zur Sache würde man nicht weit kommen. Ich habe noch nie darüber nachdenken müssen, die Begeisterung für die Sache war einfach immer da. Meistens habe ich mindestens fünf Ideen für neue Ausgaben im Kopf, die umherschwirren und darauf warten, aufs Papier gebracht zu werden.

Ihr steht für das Motto #printisnotdead: Bitte erkläre, warum euch Print-Magazine im Reisebereich wichtig sind.

Ich glaube nicht, dass Print-Magazine im Reisebereich generell wichtig sind. Im Gegenteil, es gibt auf dem Markt einige (zu viele) Reisemagazine, die aus meiner Sicht problematisch sind – solche, die große Plattformen für einen Tourismus bieten, der in unserer Zeit eigentlich überholt sein müsste. Magazine, die voll sind mit Werbung für Luxushotels, Kreuzfahrten und Billigurlaube in All-Inclusive-Anlagen, sind einfach nicht mehr zeitgemäß, aber natürlich profitabel. Aber es gibt auch absolut großartige Print-Formate, wie zum Beispiel National Geographic und Geo, bei denen unsere Kollegen herausragende Arbeit leisten. Solche Magazine sind wichtig, weil sie aus Touristen umsichtige und aufgeklärte Reisende machen. Das ist ein Ziel, dem auch wir uns sehr verbunden fühlen.

Der Titel der aktuellen Ausgabe lautet Slow Down, und ihr fordert eure Leser*innen auf scroll less – read more: Ein Herzensthema für dich?

Absolut. Ich bin unendlich dankbar, dass wir online unsere Leserschaft gefunden haben. Dennoch sehe ich die digitalen Entwicklungen der letzten Jahre mit großer Skepsis. Im Jahr 2018 haben wir als Redaktion eine Pause eingelegt und ich persönlich war ein Jahr lang ohne Social Media unterwegs. Es war die beste Entscheidung für die kreative Arbeit: Fernab von Filterblasen findet man wieder den eigenen, authentischen Fokus und lernt, vor allem wieder selbst zu erschaffen, statt nur zu konsumieren. Und das ist nur einer der vielen Gründe für mehr digitale Auszeiten.

Was bewegt dich besonders in der heutigen Reisewelt?

Umwelt. Es ist ein sehr emotionales und hochkomplexes Thema. Wir sehen aktuell vor allem zwei Extreme auf Social Media: Influencer, die um die Welt jetten und Länderlisten abhaken. Und Menschen, die komplett auf das (Fern-)Reisen verzichten, weil sie das Klima schützen wollen. Beides sind für mich Schwarz-Weiß-Positionen. Das Bucketlist-Reisen ist von gestern, keine Frage. Aber die Reduzierung des Reisens nur auf CO2 ist ebenfalls eine extreme Position am anderen Ende der Skala – auch wenn ich für sie mehr Verständnis habe. Ich finde, das wichtigste Thema der heutigen Reisewelt ist die sinnvolle Balance zu finden: zwischen dem überholten Konsum-Tourismus und den berechtigten Klima-Sorgen, die mit dem Reisen verbunden sind.

Was bedeutet achtsames Reisen für dich?

Achtsames Reisen hat für mich immer mit der Um-Welt zu tun, also mit der Welt um mich herum. Klima ist dabei nur ein wichtiger Aspekt, die anderen sind Menschen, Tiere und Natur. Ein achtsamer Reisender ist nicht sorglos, denn er muss sich viele Fragen stellen: Welche Auswirkung hat meine Reise auf die Menschen in der Region? Werden die Aushilfen im Hotel fair bezahlt? Verbraucht die Poolanlage zu viel Wasser, das in der Region knapp ist? Unterstütze ich Tierattraktionen mit meinem Urlaubsbudget? Es gibt vieles, was wir für einen nachhaltigeren Tourismus tun können.

Und da wir dieses Thema in der Redaktion so wichtig finden, bringen wir im Frühling unser erstes Buch heraus: ein illustriertes Reisehandbuch für umweltfreundliches Reisen.

Hast du ein Lieblingsreiseziel in der Welt? Wenn ja, warum?

Afrikanische Savanne unabhängig vom Reiseland – Südafrika, Namibia, Simbabwe, Tansania… Die Landschaften erinnern mich oft an mein Heimatland Kasachstan und die wilden Tiere haben mich vom ersten Besuch einer Fotosafari in den Bann gezogen. Und natürlich Sansibar, weil ich dort mittlerweile ein Stück Zuhause habe.

Deine lang gehegten Reiseträume? Welche wirst du als nächstes realisieren?

Ich hatte das Glück, mir schon viele Reiseträume erfüllt zu haben. Heute reise ich deutlich weniger. Dennoch habe ich natürlich Fernweh. Ganz oben auf der Sehnsuchtsliste stehen Bhutan, Botswana und Japan. Aber auch eine richtig lange Reise durch Indien, die habe ich mir bisher aufgespart – als Königsdisziplin sozusagen.

Wie sehen deine Zukunftswünsche für The Fernweh Collective aus?

Vor einiger Zeit stand ich mit einem Bekannten in der Berliner Mercedes-Benz-Arena und wir googelten, wieviele Leute in das Stadion reinpassen. Dann sagte er: „Stell dir vor, wenn du alle Leser von The Fernweh Co nimmst, dann würde die Arena jetzt ausverkauft sein – ein Stadion voll mit Menschen, die alle eine Zeitschrift von euch zuhause haben.“ Das hat mich wahnsinnig berührt und nachhaltig beeindruckt. Seitdem denke ich noch weniger in Umsatzzahlen, sondern in Menschen, die wir mit unserer Arbeit begeistern können.

Aktuell sind wir dabei, unser erstes Buch zu produzieren und einen begleitenden Blog für grünes Reisen im Frühling 2020 zu launchen. Das heißt: The Fernweh Collective bekommt digitalen Nachwuchs und wir freuen uns darauf, unseren Lesern häufiger als nur zweimal im Jahr Information und Inspiration zu liefern. Und natürlich wäre es fantastisch, damit noch mehr Arenen „zu füllen“! (lacht)

Für wen ist The Fernweh Collective das genau richtige Magazin?

Wir haben eine sehr diverse Leserschaft und bekommen nicht selten Emails von Schülern, die gerade ihre erste große Reise nach dem Abi planen, aber auch von Rentnern, die uns zufällig entdeckt haben und vom großen Fernweh-Fieber gepackt wurden. Der Großteil sind aber urban lebende Menschen mitten im Leben, die eine neue Art des Reisens wünschen. Aber alle unsere Leser haben gemeinsam, dass sie die ungefilterte Sprache des Magazins, die authentischen Reisegeschichten und die Mischung aus Fernweh für ferne Länder und Sensibilität für die Welt schätzen.

Danke für das tolle Gespräch, Elisaveta, und weiterhin alles gute für The Fernweh Co. und alle deine Pläne!

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Wissenswertes

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The Fernweh Collective ist ein verlagsunabhängiges Reisemagazin mit Sitz in Berlin. Die Zeitschrift ist 100% werbefrei und wird auf umweltfreundlichem Papier und mit Ausgleich der klimaschädlichen Emissionen gedruckt. Ihr könnt die Ausgaben im Online-Shop unter www.thefernweh.co bestellen – sie werden weltweit geliefert.

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