Glaswelt- Kurzgeschichte: Lesezeit ca. 20 Minuten -


Die feine Späne sammelte sich zwischen seinen Handflächen. Behutsam fuhr er durch die Splitter, die nicht mehr scharf und rissig waren, sondern angenehm, wie Sand, der einem durch die Zwischenräume der Finger rinnt. Langsam ließ seine schwieligen die Hände mit dem Sägemehl wieder sinken, trat einen Schritt zurück.

Ein gutes Werk, dachte er zufrieden, klopfte die Handflächen aneinander, bis sie sauber waren und steckte sich die Pfeife an, die er in der Brusttasche seiner Weste bei sich trug.

Auf seiner Werkbank stand, poliert und glattgeschliffen, eine Schatulle. Seit zwei Tagen arbeitete der Mann an dieser zarten Kiste, die nur wenig größer war als eine seiner Handflächen.

Auf den drei Fensterbänken seiner Hütte standen bereits fünf von diesen Schnitzereien, alle geöffnet, mit weichen Leinenstücken ausgelegt. In seinen Kisten verwahrte er seine Schätze: Kleine und große Kaurimuscheln, runde und gerillte Herzmuscheln, winzige Kreiselschnecken, Nadelschnecken, in sich verdrehte Mondschnecken, längliche schwarze Miesmuscheln, die Hälften zweier noch immer aneinander gebundener Trogmuscheln, Sägezähnchen mit kratzig-gerillter Oberfläche, gezackte Purpurschnecken mit weiten Öffnungen, die rauschten und brausten, wenn man sie ans Ohr presste und aufmerksam lauschte.

Mit seiner Pfeife setzte er sich unter eines der Fenster, hüllte sich selbst in würzigen Rauch und sah hinaus ins Licht. Um seine Hütte türmte sich weißer Sand, wuchsen immergrüne Bananenstauden, dicke Palmen, Farne, ihre Blätter so lang, dass der Mann sie hin und wieder beschneiden musste, damit sie die Tür seiner Hütte nicht überwucherten. Sicher wären viele der Menschen froh gewesen, würde seine Tür von der Pflanzenpracht versperrt werden, das wusste er. Man hielt ihn für einen Einsiedler, merkwürdig und schweigsam. Kautzig, sagte sogar Mancher, aber verrückt. Den Mann störte es nicht, was man über ihn sagte. Doch es schmerzte ihn, wenn er daran dachte, dass niemand von ihnen auch nur einen seiner Muschelschätze hätte benennen können. Niemand erinnerte sich daran, dass das Meer solche Juwelen hervorbrachte — denn sie alle hatten vergessen, dass es das Meer gab.

In seinen Grübeleien vertieft, wanderte sein Blick über den Strand vor seinem Fenster, der heute besonders stark bevölkert war. Familien hatten sich auf den Liegen ausgebreitet, ihre Handtücher hervorgeholt, ein Picknick ausgepackt und ihre Lieben dazu überredet, das Wochenende in friedlicher Eintracht zu verbringen. Lächelnd sah der Mann, während er seine Pfeife neu stopfte, dass auch seine kleine Freundin, die einzige, die er hatte, wieder am Strand saß. Sie schien in ihre eigenen Gedanken versunken, wie sie da auf dem Bauch lag, ihre Liege zwischen zweien der mit Wasser gefüllten Becken — das war es, was die Menschen hier den Strand, das Meer nannten. Der alte Mann beobachtete das Mädchen.

Kalt und klar umfloss das Wasser ihre Finger. Winzige Tropfen sammelten sich von Zeit zu Zeit in den Zwischenräumen, wenn sie die Hand etwas krümmte und wieder streckte. Sie erinnerte sich daran, was sie über Staudämme und Schiffe gelesen hatte, und fand es einleuchtend, dass auch ihre kleine Kinderhand ein Staudamm oder ein Schiff sein konnte, wenn sie es so wollte.

„Einmal werde ich Seglerin“, hatte sie ihrer Klasse am Tag zuvor verkündet. „Ich werde mir ein Schiff bauen und los segeln, auf ein Abenteuer. Meint ihr nicht, dass es ein richtig großes Meer gibt? Weiter draußen als das an unserem Strand? Wer will mit auf mein Schiff?“ Aber keiner ihrer Mitschüler hatte die Hand gehoben. Nur angsterfüllte Blicke sahen ihr entgegen, die ihr sagten, dass sie auf sich allein gestellt war. Schön, dachte sie, dann wird mein Abenteuer eine Einmannfahrt. Es gibt schließlich auch kleine Boote, mit denen Kinder segeln können. Ich weiß es, denn der alte Mann hat mir von ihnen erzählt.

Aber in welcher Richtung liegt denn nur das Meer, überlegte sie nicht zum ersten Mal, während sie ihre Hand seufzend aus dem Rinnsal zog, das sich im Sand zwischen ihrem Liegestuhl und dem ihres Vaters gebildet hatte. Sie rollte sich auf die andere Seite. In welche Richtung muss ich mit meinem Boot fahren, wenn ich den Weg finden will?

Tropische Blumen erfüllten die Luft mit ihrem schweren, süßen Duft, den sie nicht besonders mochte. Er passte nicht zur frischen Kühle des Wassers.

Auch das Glas, das neben ihr aufragte, war kühl. Dieses Glas umschloss ihre Welt.

Tiefes Blau füllte das Draußen dahinter, nur manchmal leuchteten winzige Punkte auf, wenn man die Augen fest auf einen Fleck richtete und lange wartete. Manche Leute erzählten sich, dass es gleißende Schauer aus Lichtpunkten gegeben hatte, vor langer Zeit. Das Mädchen hatte nie einen dieser Schauer gesehen, doch es war ihr größter Wunsch, lange genug an der Scheibe zu sitzen und abzuwarten, bis auch sie dieses faszinierende Spektakel sah. Oder war es nur eine dieser Geschichten, die man sich erzählte, weil man sich nicht mehr an die Wahrheit erinnern konnte, wie der alte Mann immer behauptete?

Sie klopfte sachte mit den Knöcheln gegen das Glas, doch es gab kein Geräusch, so fest war das Material. Ja, das muss es wohl auch sein, dachte sie sich. Schließlich schützt es uns vor dem, was dort draußen ist. Dann musste sie sich eingestehen, dass sie gar nicht genau wusste, was dort draußen eigentlich war. Wie groß war dieses Draußen? Tausende, Abertausende und Millionen Kilometer? Oder gab es nur einen sehr dünnen Vorhang, hinter dem eine andere Welt wartete, die, genau wie die Welt des kleinen Mädchens, einen Vorhang hinter einem Glasrund beobachtete und sich fragte, ob es das große Meer gab, das die Welten miteinander verband?

Ihre Lehrerin sagte immer, dass sie sich zu viele Geschichten ausdachte. Zu viel träumte, nicht davon ablassen konnte, zu denken, es gäbe unbekannte Welten abseits ihrer Erde.

„Sieh es doch ein, Ava“, sagte sie, „da draußen ist nichts. Nichts, wovor du dich zu fürchten brauchst.“

„Aber ich fürchte mich nicht“, antwortete Ava.

„Dann gibt es dort auch nichts, wovon du träumen kannst“, sagte ihre Lehrerin und beendete das Gespräch. Ava mochte diese Auseinandersetzungen nicht, und trotzdem provozierte sie sie häufig.

Es gibt mehr, dachte sie jetzt, als sie ihre Finger weit abspreizte und auf das Glas legte, als wollte sie hindurch greifen und einen dieser hellen Lichtpunkte fassen, wenn er in der nächsten Sekunde an ihr vorbei rauschte.

„Ava, bringst du mir eine Limonade?“, fragte ihr Vater schläfrig. Seine Sonnenbrille war ihm weit auf der Nase heruntergerutscht, seine Hände hatte er auf dem Bauch gefaltet und die Augen geschlossen. Er sah so entspannt aus, dass Ava lächelte und sich aufsetzte.

„Ja, Papa, das mache ich. Orange oder Limette?“

„Wie wäre es heute einmal mit Himbeere?“, murmelte er. Ava nickte, schlüpfte in ihre Sandalen und stieg zwischen mehreren Liegestühlen zum Hang, der hinter der Glaskuppel, dem Sand, den Tropenpflanzen und den Wasserbecken aufragte.

Vom Fenster seiner Hütte aus konnte der Mann erkennen, wie Ava in ihrem roten Badeanzug heraufgelaufen kam. Sicher steuert sie das Café nebenan an, dachte er. Dort kauften die Menschen, was sie für einen Tag an diesem Meer hier brauchten: Sandwiches, Limonade, Eiscreme, Badetücher, Fußbälle, Wurfscheiben, Schwimmflügel, Rettungsringe. Keine Sonnencreme.

Er beobachtete, wie Ava mit ihren Sandalen im Sand stapfte, einen Schuh verlor, ihn wieder überstreifte und spielerisch hierhin und dorthin hüpfte. Nach einer Weile hob sie den Kopf und sah ihm entgegen. Sie winkte. Er hob sachte die freie Hand und winkte zurück, so, dass niemand sah, dass das kleine Mädchen ausgerechnet ihn begrüßte. Die Menschen hier am Strand mochten ihn nicht. Ava dagegen kam ihn immer besuchen, wenn sie mit ihrem Vater hierher kam und sich für einige Augenblicke loseisen konnte.

Er trat vom Fenster zurück und strich mit den Fingern über den Rand der frisch bearbeiteten Muschelkiste, klein und perfekt für eine unerschrockene Kinderhand.

Ava klopfte an seinen geöffneten Fensterladen.

„Hallo, Giacomo“, sagte sie.

„Hallo, Ava“, antwortete er.

„Darf ich reinkommen?“

„Sicher doch.“

Sie huschte durch die Eingangstür neben dem Fenster.

„Was hast du heute gebaut, Giacomo?“

Ihre Finger, die immer und überall in Bewegung waren, fuhren über seine Werkbank. Sie wusste, dass er seine Tage damit verbrachte, Kisten zu bauen, sie zu säubern, zu schmücken, in Erinnerungen zu schwelgen. Oft bat sie ihn, von den Zeiten zu erzählen, an die er sich erinnerte. Mit ihren unschuldigen Jahren konnte Ava noch nicht unterscheiden, ob Giacomo ihr nur schöne Geschichten erzählte oder ob es wahr war, was er sprach: dass es einmal eine andere Welt gab, die man vergessen hatte. Eine ganze Erde, auf der man lebte, ehe diese Erde starb und man auf die neue Erde kam, sich durch Glas, Eisen und Beton schützte. Das Meer und die Muscheln aussperrte.

„Hier“, sagte Giacomo, schob seine Pfeife in den rechten Mundwinkel, und deutete auf die neue Schatulle. „Für dich.“

Ava sah ihn an. Er schaute weg, weil er ihrem wissenden Blick nicht lange standhalten konnte.

„Sie ist sehr schön“, sagte sie und nahm die Kiste zwischen ihre Handflächen. Erschien die Kiste in Giacomos breiten Händen gänzlich verloren, schmiegte sie sich perfekt in die kleinen Mädchenfinger von Ava. Sie nahm die Muschel heraus, die er für sie dort zwischen den Baumwolltüchern arrangiert hatte.

„Mondschnecke“, brummte er, ehe sie fragen konnte.

Staunend und mit dem Kopf nickend, als wüsste sie genau, was es bedeutete, ein besonders schön geratenes Exemplar einer Mondschnecke in den Händen zu halten, hielt sie das Gehäuse ins Licht, das durch das Fenster hereinfiel.

„Meinst du, sie erinnert sich an den Mondschein auf der Meeresoberfläche?“, fragte Ava mit gerunzelter Stirn. Giacomo stieß einen langen Rauchfaden aus seiner Pfeife in die Luft und grummelte. Ihre Fragen verunsicherten ihn.

„Kann ich nicht sagen, ob Muscheln fähig sind, sich an etwas zu erinnern“, sagte er.

„Ich meine nicht wirklich erinnern, so wie wir“, überlegte sie. „Ich meine, vielleicht hat sie den Mondschein in sich aufgesogen. Für immer.“

„Ich weiß es nicht“, wiederholte er.

„Heute gibt es einen Vollmond“, verkündete Ava, legte die Mondschnecke zurück in die Schatulle, schloss den Deckel und nahm sie mit zur Tür. „Schaust du ihn dir an?“

„Hm“, machte Giacomo zwischen zwei Rauchfähnchen.

„Ich hab ein Buch von Papa gelesen, heimlich“, brachte sie dann hervor, schnell, als hätte sie Angst sich an den Wörtern zu verschlucken, wenn sie sie nicht loswurde. „Da stand: Das Leben im künstlichen Raum wurde ermöglicht, um die Bewohner vor der schädlichen Atmosphäre zu schützen. Aber was ist das, Atmosphäre? Giacomo? Warum müssen wir uns vor ihr schützen, wenn sie doch so schöne Dinge hervorbringt, die einen zum Staunen bringen? Wie die Muscheln, das Meer und den Vollmond?“

„Auch darauf weiß ich keine Antwort, Ava“, sagte er nachdenklich und fragte sich, ob seine Unwissenheit sie irgendwann mürbemachen würde.

„Du solltest deinem Vater seine Limonade bringen“, fügte er hinzu und schob sie zur Tür. „Genug für heute.“

„Gibt es noch mehr wie uns da draußen, Giacomo?“, fragte sie, legte die Hand an den Fensterladen seiner Hütte und schaute sehnsüchtig hinaus, den Blick weit hinter das Glas gerichtet, das ihre Welt umschloss. Er stand auf und legte seine Hand auf ihre. Seine Finger waren viel länger und größer. Es sah aus, als würde er ihre Hand verschlucken.

„Ava, wir sind jetzt allein hier oben.“

Seufzend schaute sie weiter hinaus, noch lange nachdem der alte Mann sich eine neue Pfeife angesteckt hatte und sich in seinem Lehnstuhl zurücksinken ließ, die Augen geschlossen, die Hände um eine der bauchigen Trogmuscheln geschlungen, für die er morgen eine Kiste bauen würde. Vielleicht wird ein Schiff kommen, dachte Ava. Dann werde ich einsteigen und das Meer sehen. 

Dir gefällt, was du liest?

Dann stöbere gerne weiter durch meine Kurzgeschichten hier auf dem Blog.

Mehr Geschichten für unterwegs…

…findest du in all den Kategorien auf dem Blog oder unter dem Reiter Kurzgeschichten für unterwegs. Lies zum Beispiel gleich hier weiter:

Du willst immer auf dem Laufenden bleiben?

Dann folge waiting is happiness auf FacebookTwitter und Instagram.

Wissenswertes

Diese Geschichte entstand nach einem Aufruf des Literaturhauses Zürich, sich von einem Alltagsbild zu einem untypischen Twist der Story inspirieren zu lassen. Ich betrachtete das Bild eines Schwimmbads mit den Plastikbällen, künstlichen Palmen und einer gewölbten Decke über den Wasserrutschen – und da war meine Idee geboren.