Eine neue Chance – Teil 1- Kurzgeschichte: Lesezeit ca. 10 Minuten -


Sand, Sand, ein Meer aus Sand. Er verschluckte den Horizont, kratzte auf der Haut, klebte an den langen Gewändern, in den Haaren.

Die Nacht machte es unmöglich zu unterscheiden, wo der Sand begann und der Himmel aufhörte. Der einzige Lichtflecken, der die Finsternis durchdrang, war ein Feuer mitten in diesem Nirgendwo. Es war ein kleines Feuer, gerade groß genug, dass man einen Kochtopf darüber stellen konnte. Rundherum hatte jemand Steine aufeinandergereiht, sorgfältig, fast pedantisch akkurat. Doch kein Zelt, kein Maultier, keine vergessenen Gepäckstücke deuteten darauf hin, dass jemand das Feuer entzündet hatte, um sich ein Licht in all dem Dunkel zu entfachen.

Die einsame Gestalt näherte sich lautlos. Ihr Gesicht war von einem Schleier verhüllt, keine Züge waren zu erkennen, sogar die Augen blieben im Schatten. Sie sah sich um, warf Blicke umher. Dann hockte sie sich mit einer fließenden Bewegung an die Feuerstelle. Hände huschten unter dem langen Gewand hervor, dunkle Hände mit Fingern, an denen Ringe glitzerten. Von der Wärme des Feuers angezogen, ließ sie sich ganz auf die Knie nieder und beugte sich näher an die Flammen. In ihren schwarzen Augen glitzerte das züngelnde Licht. Plötzlich riss sie den Kopf herum, sprang auf und lauschte. Hufe näherten sich, Hufe eines Pferdes oder Kamels, es rannte, rannte so schnell, dass es sie jede Sekunde erreichen musste. Unter ihrem Gewand blitzte eine Dolchspitze hervor, sie hob ihren bewaffneten Arm und zog den Schleier vom Gesicht –

„Milla Mantova, wirst du wohl zuhören!“

Die flache Hand knallte direkt vor meiner Nase auf die Tischplatte. Japsend fuhr ich von meinen gebeugten Armen hoch und blinzelte die Augen auf. Ich blickte in die finstere Miene von Frau Thormann, meiner Geschichtslehrerin.

„Geschlafen, im Unterricht, schon wieder! Das bedeutet Nachsitzen!“, lautete das Urteil. Ich hatte Mühe, wach zu werden und den Geschmack von Sand und Asche und Rauch aus meinem Mund zu vertreiben. Die Nacht vor dem Feuer wirkte immer noch so real, als hätte ich tatsächlich noch vor wenigen Sekunden inmitten der Wüste gesessen und beobachtet, wie diese Gestalt ihren Dolch hervorzog und sich nach ihrem Angreifer umsah.

„Wie ich schon sagte, bevor wir so unsäglich unterbrochen wurden“, fuhr Frau Thomann wütend mit dem Unterricht fort, „hatten die Nomadenstämme schon vor hunderten von Jahren…“

Schon war es wieder um meine Aufmerksamkeit geschehen. Es war nicht Frau Thomanns Schuld, dass ich ihr nicht folgen konnte; es war einfach so, dass ich mich grundsätzlich nicht für die Schule begeisterte. Es gab kein Unterrichtsfach, in dem ich nicht lieber in meinem Skizzenblock zeichnete, anstatt mitzuschreiben. Manchmal, so wie heute, kam es sogar vor, dass ich in einen tiefen Tagtraum versank, anstatt der Geschichte des osmanischen Reichs zu folgen, auch wenn wir nächste Woche eine Klausur schreiben würden.

Mein Klassenlehrer Herr Rhode war auch kein großer Fan von mir. Spätestens seitdem ich auf meinen Abgabezettel nach der Berufsorientierungsveranstaltung geschrieben hatte, dass ich Floristin, Fotografin, Schriftstellerin für Fantasy-Romane, Serienschreiberin oder Animateurin für Walt Disney werden wollte, warf er mir jedes Mal einen mitleidigen Blick zu, wenn ich ihm begegnete. Es hatte ernste Telefonate mit meinem Vater gegeben, eine Beratung, weitere Orientierungskurse, ein Sommercamp der Naturwissenschaften, aber nichts hatte mich im Mindesten beeindruckt.

Herr Rhode vertrat die Ansicht, dass jeder, der nicht Mathematik, Physik oder Chemie studierte, auch keinen höheren Schulabschluss benötigte. Er würde mich am liebsten loswerden, so viel stand fest. Wie gerne würde ich ihm seinen großen Wunsch erfüllen. Aber mein Vater und mein Bruder waren da anderer Ansicht. Sie beäugten meine Feen-Illustrationen, meine Kurzgeschichten über sprechende Kleiderschränke, die sich über den schlechten Geschmack ihrer Besitzer ausließen, und meine Blumenkreationen aus Federnelken, Nieswurz und Kapuzinerkresse, die ich im ganzen Haus verteilte, zwar liebevoll, aber äußert kritisch.

„Du hast noch viel zu lernen“, hieß es dann. „Du solltest weiter zur Schule gehen, damit du noch besser wirst.“ Worin ich eigentlich besser werden sollte, das sagten sie mir nie, aber ich glaube, dass sie hofften, ich würde meine Träumereien durch weitere Schuljahre endlich fallenlassen. Ungeahnte Talente in Redox-Gleichungen entwickeln. Ein Heilmittel gegen Krebs entdecken. Zumindest den Kosinus-Satz verstehen.

Es klingelte und die Klasse stürmte aus dem Raum. Frau Thomann ließ ihre Kreide auf dem Pult liegen, fegte ihre Unterlagen zusammen und hielt mich zurück, ehe ich verschwinden konnte.

„Milla, auf ein Wort.“

„Ja, Frau Thomann?“

„Ich hoffe du weißt, dass es nicht gut um deine Note in Geschichte steht.“

Ich nickte.

„Es hilft nicht, wenn du anfängst, im Unterricht zu schlafen. Ich kann dir dieses Mal nicht mehr helfen, wenn du die Klassenarbeit vermasselst.“

„Ja, Frau Thomann.“

„Solltest du durchfallen, musst du die Klassenstufe wiederholen. Ich werde mit deinem Vater sprechen.“

„In Ordnung.“

Sie beäugte mich argwöhnisch.

„Dir liegt nicht sehr viel an der Schule, oder?“

Ich sah ihr durch ihre fensterdicken Brillengläser in die Augen. Kleine Falten tümmelten sich auf ihren Wangen. Sie schien viel zu lachen, wenn sie nicht gerade unwillige Kinder unterrichten musste.

„Ich denke, dass meine Stärken anderswo liegen.“

„Aha.“ Sie tippte mit dem Ende eines Bleistifts auf einer Mappe herum. „Und wo genau?“

„Ich…zeichnen. Schreiben. Ich mache eigene Illustrationen.“

„Kunst also?“

Ich zuckte die Achseln. Frau Thomann setzte ein mitfühlendes Lächeln auf.

„Dein Vater hat mir erzählt, dass deine Mutter gemalt hat. Stimmt das?“

„Sie war Malerin. Und hat in einer Galerie gearbeitet. Es…sie war viel unterwegs. Mailand, Florenz, Paris. Sie hat mir immer etwas mitgebracht, Stifte oder Papier oder Bücher.“ Ich machte eine kleine Pause und schluckte, dann sagte ich: „Bis zu ihrem Tod hat sie jeden Tag gemalt. Ihr hat nie jemand gesagt, dass Sie arabische Geschichte oder Phylogenese lernen muss, um gut in dem zu sein, was sie gemacht hat.“

„Und du möchtest werden wie deine Mutter? Du willst Künstlerin werden?“

„Herr Rhode hält nicht viel von künstlerischen Ambitionen“, antwortete ich und zupfte an einem Hautfetzen an meinem Zeigefinger herum.

„Milla.“ Jetzt klang sie sehr ernst. „Es ist in Ordnung, einen Traum zu haben. Aber du musst verstehen, dass es ohne ein gewisses Grundverständnis der Welt nicht funktionieren kann.“

„Und Sie meinen, das lerne ich in der Schule?“

Frau Thomann seufzte resigniert und packte ihre Unterlagen zusammen.

„Deine letzte Chance, Milla.“

Sie ließ mich alleine im Klassenzimmer stehen.

Teil 1 dieser Kurzgeschichte endet hier. Im Februar wartet Teil 2 auf dich. Und bis dahin…

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