Zauber des Südens- Venedig in fünf Akten -


Nachts liegt sie still und friedlich da, la serenissima. Morgens dann klappern die carelli durch die Gassen, liefern frisches Brot und neuen Wein in die trattorie, die ersten Vaporetti schippern durch den Canal Grande, verbinden die Inseln der Lagune mit dem Festland. Wenn die Menschen aus ihren Häusern strömen, über die Ponte degli Scalzi, Ponte dell’ Accademia, die Rialtobrücke eilen und in energischem venesiàn verhandeln, rufen, lachen, schimpfen und genießen, dann erwacht die herrliche città: Venedig, buongiorno! 

Venedig ist ein Gefühl 

Venedig hat einen Charme, den es sonst nirgendwo auf der Welt gibt. Die einen halten es für Melancholie; die anderen für Exorbitanz; und wieder andere wissen nicht recht, was die 118 Inseln der Lagune und das umliegende Festland, das zu Venedig gehört, ihnen eigentlich mitteilen möchte. Einst das Finanzzentrum im Kolonialreich, eine Handelsmacht der Luxusgüter, die Heimat tausender Maler, Sänger, Musiker, Bellini, Tizian, Tiepolo, Tintoretto — heute eine Stadt, die um das eigene Überleben kämpft. Gefangen zwischen diesen mächtigen Sogkräften, mal hingerissen zur einen, dann zur anderen Richtung, ist Venedig stets im Wandel. Venedig, das ist fast schon ein Gefühl. Man kann es spüren, wenn man nur hinhört. 

Venedig ist Leben 

Wäre Venedig ein Mensch, der Canal Grande wäre der Blutkreislauf dieses Organismus. Tausende Wasserbusse, die flinken Vaporetti, durchziehen die Stadt immerzu. Motorboote, Gondeln, Ruderbötchen schwimmen auf dem Wasser. 

Der Kanal durchfließt die Stadt in Form eines riesigen Fragezeichens. Als würde er für all die engen Gassen stehen und sich ein wenig über die vielen, offensichtlichen Nicht-Italiener belustigen, die sich immer wieder am Ende einer calle wiederfinden, die an einer Mauer endet oder direkt ins Wasser führt. Die echten Venezianer, sie sind der Puls der Stadt. Nur sie haben das Vertrauen in die eigenen Füße perfektioniert, sie wissen immer, wie sie an ihr Ziel gelangen. Ein echter Venezianer braucht niemals einen Stadtplan. Wie traurig ist es, dass es nur noch so wenige  Venezianer in Venedig gibt. 

Venedig ist ein Moment

Ob es wohl zu schaffen ist, während eines einzigen Besuches in Venedig alle 175 Kanäle zu überqueren und alle 398 Brücken zu erklimmen? Vielleicht. Viel wichtiger: Schau nach links und rechts, wenn du durch das Gewirr wandelst. Sieh dich um, höre hin, bleibe stehen, sauge das Lebensgefühl in dich auf. Setze dich zum Mittagessen in ein Lokal, das nur von echten Venezianern besucht wird. Sieh zu, wie sie genüsslich Pasta, Risotto, Wein, Bruschette und Pfirsiche verspeisen, wie sie sich zurücklehnen. Allein dafür lohnt es sich, hierher zu kommen. 

Venedig verschwindet 

Es stimmt: Die Gondeln gehören quasi den Touristen, die Wasserbusse sind überfüllt, die Venezianer verlassen die Lagune. Alles wird zu teuer, es gibt kaum noch genügend Lebensmittelgeschäfte, Zweitwohnsitze in Mestre oder Maghera sind erschwinglicher als eine Wohnung im centro storico. Jeder dritte Mensch in Venedig ist ein Tourist. Overtourism, so nennt man es jetzt. Was wir tun können? Die Stadt auch einmal ruhen lassen. Keine Kreuzfahrten in die Lagune unternehmen. Uns für ganz Venetien begeistern, anstatt einen Ort so sehr zu fluten, dass wir ihn zerstören. Einen wunderbaren Film darüber hat Andreas Pilcher gedreht: Das Venedig Prinzip lohnt sich. 

Venedig ist anders 

Das Juwel Venetiens ist besonders: Es gibt Antworten auf Fragen, von denen man noch nicht einmal wusste, dass man sie hatte. Es macht nachdenklich, traurig, fröhlich, schwärmerisch und romantisch zugleich. Es ist laut und still. Manchmal wandelt man hier vielleicht auf den Spuren von Commissario Brunetti aus den Krimis von Donna Leon. Manchmal versetzt man sich in den rauchenden Gondoliere, der seinen Blick in die Ferne gerichtet hält. Und manchmal ist man im Herzen ganz nah bei den übrigen Venezianern, dass man ihnen sagen möchte: Alles wird gut. 

Buonanotte, Venedig.  

Wissenswertes

Wer noch mehr über Venedig erfahren möchte, dem lege ich die 360°-GEO Reportage ans Herz.