Geschichten aus der Wikinger-Zeit- Ein Tag im Wikingerdorf Haithabu -


Wie das wohl war, damals? Als wir noch in Hütten aus Lehm und Holzplanken lebten, Wasser aus dem Brunnen zogen, unsere Kartoffeln oder Möhren gegen Töpfe und Baumwolle tauschten, Runen in Steine gravierten und uns nachts am Lagerfeuer trafen, um Geschichten zu erzählen… In Busdorf am Haddebyer Noor gibt es einen Ort, der mir hilft, zu verstehen. 

Es früher Morgen im Jahr 963: Die Siedlung erwacht mit den ersten Sonnenstrahlen langsam zum Leben. Aus dem Haus des Holzerhandwerkers hört man schon die Säge, Rauch von einem Feuer ist zu sehen, jemand backt Brot, ein Karren ruckelt am Brunnen vorüber, und der Hafen liegt voller fremdartiger Boote. Eine unbekannte Fahne aus dem Osten weht an einem der Masten, Männer in bunten Gewändern kommen an Land, sie bringen Kisten voller weicher Seide und duftigen Gewürzen. Über die Bohlenwege zwischen den Flechtwandhäusern tragen die ersten Händler ihre Töpferwaren, Schilde und Perlen hinunter zu den wartenden Schiffen an der Landungsbrücke. Rundherum die Wiesen und Felder, Schafe, Ziegen, Hühner, Rinder, Bäume rauschen im Wind, ein Bach fließt vorbei. 

So kann es sich abgespielt haben, damals, vor über 1000 Jahren, als die Wikinger im Frühmittelalter in der Siedlung Haithabu lebten. Im Naturschutzgebiet Haithabu-Danewerk ist es nicht schwer, in diese einzigartige Welt einzutauchen und sich ein Leben aus historischen Zeiten vorzustellen. Haithabu, das bedeutet Hof der Heide oder Heidehof, zusammengesetzt aus den altnordischen Worten heiðr für Heide und býr für Hof: Heiðabýr. Die Dänen und Schweden nennen diesen besonderen Handelsort Hedeby. Archäologische Funde und schriftliche Quellen belegen, dass dieser Hauptumschlagsplatz für den Fernhandel zwischen Skandinavien, Westeuropa, der Nordsee und dem Baltikum um das Jahr 770 gegründet und etwa im Jahr 1066 zerstört wurde.

Perfekt gelegen in der Enge zwischen Nordsee und Ostsee und unweit des Ochsenwegs (auch Heerweg genannt) als wichtiger Handelsroute zwischen Hamburg und Jütland, würden wir dieses so unscheinbar anmutende Gebiet heute eine internationale Megacity nennen. 

In Haithabu handelte man zum Beispiel mit Werkzeug, Glas, Tonwaren, eigens geprägten Münzen, Stoffen, Gewürzen, Weinen, Schmuck und Sklaven aus Eroberungskriegen mit Norwegen, Schweden, Irland, dem Frankenland, dem Baltikum, mit Bagdad und sogar Konstantinopel im byzantinischen Reich – nach damaligem Wissenstand also mit der ganzen bekannten Welt. Kein Wunder, dass viele Kriege und Eroberungskämpfe durch diverse Kaiser, Könige und andere Herrscherfiguren um die Siedlung stattfanden, bei dieser Lage…

Auf dem Gelände in der Gemeinde Busdorf im Kreis Schleswig-Flensburg steht heute mit dem Wikinger Museum Haithabu nicht nur eine der bedeutendsten archäologischen Stätten Deutschlands, wo man diverse Funde und Ausgrabungsstücke der Wikingerzeit bestaunen kann, sondern auch die rekonstruierte Siedlung aus sieben Wikingerhäusern, die man besichtigen kann: Da gibt es ein Versammlungshaus, ein Haus des Kammmachers, einen Kräuter- und Gewürzgarten, alte Brunnenanlagen, den Hafen, Stege, das Haus des Fischers, des Tuchhändlers. Etwa 1.000 Bewohner sollen in Haithabu gelebt haben – für mich unvorstellbar, als ich zwischen den Lehmhütten umher gehe, hier und da durch ein Fenster schaue. Besonders fasziniert mich das Haus des Holzhandwerkers, das 882 hier gestanden haben soll: Wände aus einzelnen Holzbohlen, die sich zu einer Palisade auftürmen; ein Dach auf den Bohlen schützt vor Witterungen; sogar ein kleines Fenster in einer der Holzwände. Im Raum, der nur etwa 17 Quadratmeter groß ist, sehe ich Schalen und Schüsseln aus Holz, die die Menschen früher täglich gebrauchten, bestaune Truhen, Kisten, Tröge, die Arbeitswerkzeuge derjenigen, die aus den einfachsten Hölzern Alltagsgegenstände und echte Kunstwerke schufen.

Auch einen Kräuter- und Gewürzgarten gibt es unweit des Hauses, vielleicht einmal ein Ort, aus dem später viele Handelswaren entstanden? 

In der Nähe steht das Haus des Händlers, das von 852 stammen soll. Das Flechtwerk des großen Hauses aus eichenen Rundhölzern ist mit Lehm verputzt, es riecht erdig und leicht süßlich. Es gibt einen Raum, der als Schlafstätte eines Händlers gedient haben könnte, der Rest des Hauses muss einmal bis unter das Dach voll gewesen sein mit allerlei Truhen und Kisten, in denen vielleicht Glasperlen für Schmuck oder Stoffe aus Wolle lagerten. Ist es nicht atemberaubend, dass wir heute wissen, wie es hier vor über 1000 Jahren ausgesehen haben muss? Wie das Leben stattfand, wer diesen Ort besuchte? 965 zum Beispiel, da kam Ibrahim ibn Jaqub nach Haithabu, ein Gesandter des Kalifen von Córdoba. Der Mann schrieb Reiseberichte für seinen Herrscher, hielt fest, was ihm damals bemerkenswert erschien. Und wir, im Jahr 2019, können durch solche Reiseberichte verstehen, was für uns sonst unerklärbar bleiben würde.

Natürlich haben auch die Archäologen einen riesigen Anteil daran, was wir über Haithabu wissen. Sie konnten den Ort, der im 11. Jahrhundert überflutete und in Vergessenheit geriet, seit 1897 wieder beleben. Sie gruben im 20. Jahrhundert und auch im 21. Jahrhundert weiter im Sand, bargen Schiffe und Hafenplätze, Öfen, Grabbeigaben, Knochen, Schmucksteine, Ketten, Ringe – und eine echte Kirchenglocke. Und so kommen Ausgrabungen und Schriften zusammen, denn: Laut Erzbischof Ansgar von Hamburg gab es 850 die erste christliche Kirche in Haithabu.

Die wichtigsten Funde, zu sehen um Museum, sind die Runensteine. 

Diese Steine mit Inschriften in Runen sind Denkmäler für besondere Männer, die den Lebenden in Erinnerung bleiben sollen. In Haithabu stellte eine Frau namens Asfrid die sogenannten Sigtryggsteine für ihren Sohn und König Sigtrygg auf. Die anderen zwei Runensteine, die Svensteine, haben ähnlich königliche Bezüge, denn sie wurden von König Sven für seine Gefolgsmänner Skarthe und Erik aufgestellt.  

„Thorolf, der Gefolgsmann Svens, errichtete diesen Stein nach seinem Genossen Erik, der den Tod fand, als die Krieger Haithabu belagerten, und er war Steuermann, ein wohl geborener Krieger.“

Inschrift auf dem Erikstein

Wie viel Geschichte noch in dieser Erde steckt, ist schwer zu beschreiben. Was wir aber aus dieser Geschichte lernen und bewahren können, das liegt ganz bei uns. Bei denen, die jetzt das Privileg besitzen, die Stätten der vergangenen Jahrhunderte zu besichtigen und zu verstehen, was es bedeutete, in einer Siedlung am Haddebyer Noor zu leben. 

Gibt es auch für dich einen Ort, der dich staunen lässt?

Erzähle gerne unten in den Kommentaren, welche historischen Stätten du besucht hast und was sie in dir ausgelöst haben. 

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Wissenswertes

Haithabu reiht sich ein in andere bedeutende Handelszentren wie Vallhagar auf Gotland, Steinkjer  in Norwegen, Löddeköpinge in Schweden, Dorestad in den Niederlanden, Nowgorod in Russland, Tissø in Dänemark und Seeburg im Baltikum.

Seit 2018 gehören das Wkinger Museum Haithabu und die rekonstruierten Häuser als Teil der Landesmuseen Schleswig-Holstein zum UNESCO Weltkulturerbe. Die Dauerausstellung im Museum zeigt Funde der Ausgrabungen auf dem Gelände, ein riesiges Wikingerboot, erläutert die wirtschaftliche Bedeutsamkeit der Siedlung und zeigt Alltagsszenen des Frühmittelalters.

Mehrmals jährlich finden auf dem Gelände in der Siedlung Märkte, Vorführungen des Wikingerhandwerks und Mitmachaktionen statt, besonders für Kinder. Im Winter findet am 23. November und 7. Dezember 2019 ab 12.30 ein spannendes Programm statt: Am Lagerfeuer werden Geschichten aus alter Zeit erzählt, eigene Runensteine geritzt, Lederbeutel genäht und altertümliche Spiele gespielt. Viele andere Erlebnisse wie Führungen, Vorträge, Exkursionen, Ausflüge für Betriebe, Schulklassen, Familien und Geburtstagsfeiern gibt es im Programmheft.

Das Wikinger Museum Haithabu hat im Winter dienstags bis sonntags von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Die Wikinger Häuser haben bis zum 31. März 2020 Winterpause.

Der Eintritt für Erwachsene kostet 8,00 Euro (ermäßigt 6,00 Euro), Kinder und Jugendliche zahlen 3,00 Euro. Familientickets gibt es für 17,00 Euro.