Mallorca im Wandel- Die Chance einer bedrohten Trauminsel -


Mallorca wird so oft als 17. Bundesland bezeichnet. Woran das liegt? Wir Deutschen scheinen die Insel zu unserem Außenposten erklärt zu haben, der uns freiwillig Urlaubsunterschlupf gewährt, wann immer wir ihn benötigen. Reisen nach Mallorca sind günstig, ungefährlich, sprachlich keine Barriere mehr und versprechen neben meist gutem Wetter auch jede Menge Partys. Es müssen nicht immer nur Ballermann, Magaluf, Palma und die obligatorischen Ausflüge zu den Yachthäfen sein, wenn es doch so herrliche Ecken und Täler auf der beliebtesten Ferieninsel Spaniens gibt.

Wusstet ihr zum Beispiel, dass Mallorca, einmal von iberischen Urvölkern besiedelt, durch das Römische Reich christianisiert und romanisiert wurde? Sie nannten die Insel Insula Maior, ehe Karthago und das Vandalenheer die Insel unter seine Herrschaft stellte. Etliche Piraten fanden Unterschlupf auf der Insel und in den Höhlen, das byzantinische Reich übernahm die Insel im Mittelmeer, dann kamen die Araber, ehe im 13. Jahrhundert das Königreich Mallorca unter den katholischen Königen ausgerufen wurde. Erst 1983, also noch in junger Vergangenheit, wurde die Demokratie wieder eingeführt und das traditionelle Mallorquin wieder als offizielle Sprache der Insel zugelassen. Mallorca ist von so vielen Kulturen und Traditionen der Weltgeschichte beeinflusst worden, dass es mich erstaunt, wie wenig die Mallorca-Reisenden darüber wissen.

Oder wollen sie es vielleicht gar nicht wissen?

Mallorca ist bedroht

Abseits der atemberaubenden Geschichte der Baleareninsel steht Mallorca nämlich unter keinem gesunden Stern. Die Insel leidet schon immer unter Wasserarmut, doch seitdem der Massentourismus die Orte geradezu überfallen hat, gefährden Wasserknappheit, ungefilterte Abwässer, Müllberge an den Stränden und übersiedelte Gebiete die heimische Flora und Fauna. Das Wasser, das gebraucht wird, um die exklusiven Resorts und Ferienanlagen zu versorgen, muss teuer importiert und aufbereitet werden. Die Unterwasserwelt leidet darunter, dass die Badebuchten nur weiter bebaut statt modernisiert und klimaneutral gemacht werden. Eine Antwort der Insel auf diese Probleme ist die Steuer, die seit 2016 jeder Tourist zahlen muss, der nach Mallorca kommt. Millionenteure Investitionen sollen neue Parks und moderne Hotels entstehen lassen.

Agrofincas auf dem Land

Ich glaube, die größte Chance auf nachhaltige Veränderung sind die Agrofincas, in denen ich einen Urlaub verbringen durfte. Solche Fincas liegen oft auf dem Land, abseits der bekannten Orte, inmitten von grünen Tälern und blühenden Feldern. Die Häuser sind ehemalige Gutshäuser. Es gibt viele Gebäude dieser Art auf der Insel, denn bis ins 20. Jahrhundert hinein waren die Mallorquiner Fischer und Landwirte statt Hoteliers, Clubbesitzer und Barkeeper. Eine Agrofinca ist zwar restauriert und an die Bedürfnisse moderner Urlauber angepasst, doch das Land um die Anlage herum wird noch immer bebaut, der Kontakt zur Natur wird weitergegeben und die Gastfreundlichkeit bestimmt das Miteinander zwischen Gastgeber und Urlaubern. Ferien auf dem Landgasthof? Ja, etwa so. Schlafen in alten Ställen, Wanderungen durch die Felder, kochen in Natursteinöfen. Hier probiere ich den traditionellen Gató d’Almedras (einen mallorquinischen Mandelkuchen), fermentierten Mandelkäse und eine würzige Mandelpaste, die als Streichwurst benutzt wird. Wo sonst werden diese Köstlichkeiten noch per Hand hergestellt? Mit den Agrofincas erhält Mallorca seine Traditionen.

Valldemossa

Unsere Agrofinca liegt ganz in der Nähe von Valldemossa im Nordwesten der Region Serra de Tramuntana. In den sechs Orten der Gemeinde leben nur etwa 2000 Einwohner. Als die Könige noch auf Mallorca lebten, kamen sie oft nach Valldemossa, weil das Klima mild und die Landschaft grün war — im Winter 1838 kamen Frederic Chopin und die französische Schriftstellerin George Sand hierher und lebten in zwei Parzellen der Kartause, dem ehemaligen Kloster des Kartäuserordens. Die Mönche sind heute längst vertrieben, im Inneren können Reisende die Kirche, eine alte Apotheke, die Bibliothek, einen Audienzsaal und die Wohnstätten von Chopin besichtigen. Mir gefällt Valldemossa, weil es hier oben, in 400 Meter Höhe, so ruhig und abgeschieden ist: Die schmalen Gassen drängen sich aneinander, bunte Schindel zieren die Dächer, das mächtige Gebirge ist von allen Ecken aus zu sehen, die immergrünen Parks laden zum verweilen ein.

Vertrauen und Achtsamkeit

Ich entscheide mich für eine Bank zwischen Palmen und pinkfarbenen Blüten, die süßlich schweren Duft verströmen. Ich vertraue darauf, dass Mallorca es schaffen wird, den Weg des Wandels zu finden und ihn erfolgreich zu beschreiten. Wir, die Reisenden, können der Insel helfen, wenn wir nur ein kleines bisschen mehr Achtsamkeit mitbringen, wenn wir das nächste Mal nach Mallorca kommen.

Wissenswertes

Mallorca hat so viel zu bieten. Zum Beispiel könnt ihr die Aussicht am Cap Formentor genießen: am östlichen Ende der Halbinsel Formentor gibt es den Treffpunkt der Winde, an dem ihr an der Steilküste entlang atemberaubende Sicht habt und den schneeweißen Leuchtturm sehen könnt.

In dem Coves d’ Artà Tropfsteinhöhlensystem an der Ostküste, im Gemeindegebiet Capdepera bei Canyamel und in der Nähe des Hafens Porto Cristo, haben einst Piraten ihre Zufluchtsstätten. Heute könnt ihr an einer Tour durch den Saal der 1000 Säulen teilnehmen und die 22 Meter hohe Säulenkönigin bestaunen.

Wanderstrecken gibt es auf Mallorca im Tramuntana Gebirge mit elf Gipfel, die ihr erklimmen könnt.

Agrofincas gibt es rund um Valldemossa und im Ort Esporles.