Wenn der Glaube Boden findet- Was wir von der Religion auf Bali lernen können -


Die Traum-Insel von Indonesien: Bali. Palmenmeere, Reisterrassen, weiße Sandstrände, Wasserfälle, Tempel. Der Duft von Hibiskus, Frangipani und Bougainvillea schwebt zart in der Luft. Pure Anmut im Indischen Ozean. Ganz verzaubert von so viel Schönheit übersehe ich die kleine Schachtel aus Palmenblättern vor mir, lege mich der Länge nach auf die Nase und bin der Lacher der morgendlichen Tempelgänger. 

Worüber ich da gestolpert bin? Nachdem die grinsenden Balinesen aus dem Tempel verschwunden sind und ich meinen Kratzer auf dem Knie verarztet habe, sehe ich mich noch einmal um. Die kleine Schale, kunstvoll aus Palmenblättern und buntem Papier zusammengefaltet, liegt offen auf der Straße. Darin eine weiß-gelb gesprenkelte Blüte, einige Silbermünzen, die balinesische Rupiah, wenige Reiskörner, ein Räucherstäbchen.

Ich erkenne um mich her noch mindestens sieben oder acht dieser kleinen Boxen. Einfach so, auf offener Straße. Umsichtig machen die lächelnden Menschen einen Bogen darum, senken andächtig den Kopf.

Das ist normal hier, auf Bali. Es sind die Opfergaben der Menschen, die die Götter besänftigen wollen, einen Ritus praktizieren oder sich durch ihre Gabe mehr Schönheit, mehr Glück, mehr Zufriedenheit erhoffen. Vielleicht beten sie auch für ein göttliches Zeichen, um ihnen bei einer schweren Entscheidung zu helfen, rufen ihren Seelenführer an, opfern für die Heilung eines Familienmitgliedes.

Ich steige die Stufen des weitläufigen Tempelkomplexes der Region Ubud hinauf und frage nach.

Wie kommt es, dass die Menschen sich hier mit ihrem Glauben so stark identifizieren?

Die Balinesin, die ich anspreche, trägt eine rote Bouganvillea im schwarzen Haar, lächelt mich an und erklärt mir umsichtig meine Frage. Ihre Antwort gefällt mir:

„Wir auf Bali wissen: In jedem Blatt, jedem Baum, jedem Ast und jedem Grashalm wohnt eine eigene Kraft, Brahman, die die Macht der Götter symbolisiert. Jede Erscheinung auf Bali, sei es ein Fels, ein Baum oder auch ein Haus, kann von guten oder bösen Geistern besetzt sein. Diese Kräfte sind ewig, sind absolut und haben keinen Anfang und kein Ende.“

Geist, wie meint sie das denn?

„Oh, das ist für dich vielleicht ein schwieriger Begriff. Versuche es so: Das Wort „Geist“ sollte man differenziert betrachten. Es kann gleichgesetzt werden mit Seele, Energie, Ursprungskraft. Diese Geister können durch Zeremonien besänftigt oder erzürnt werden.“

Zuerst klingt es für mich nach Schamanentum, dann denke ich nach und kann dem Ahnenkult etwas sehr tröstliches abgewinnen. Ich fühle mich selbst keinem Glauben zugehörig. Religion ist ein streitbarer Begriff, weshalb ich ihn sehr sparsam verwende. Jedem Menschen sei es gestattet, seinen Glauben zu praktizieren, doch ich denke, dass bei allem niemals ein anderer zu Schaden kommen sollte. Die Balinesen wissen darum. Deshalb machen die Riten auf mich einen außergewöhnlichen Eindruck. Wer sich mit Leidenschaft seinem Glauben hingibt und dabei Mensch, Tier und Natur achtet, der ist für mich ein guter Mensch. Fasziniert erfahre ich, dass auf Bali niemand dem anderen Schaden will, denn sonst gerät die Welt aus dem Gleichgewicht. Ein hoffnungsvoller Gedanke, der Mut und Kraft spendet – ich wünschte, er würde von der Insel auf einem Blütenblatt über den Ozean segeln und seine Botschaft in andere Teile unserer Welt tragen. Wie viel Leid wir uns ersparen könnten.

Diese balinesische Hindu-Dharma-Religion ist die Haupt-Religion auf Bali und ist eine Variation des Hinduismus, der selbst keine einheitliche Religion ist. „Dharma“, das „Weltgesetz“, bedeutet Pflicht, Recht und Ordnung – jedes Wesen im Kosmos verhalte sich so, wie es seinem ihm angedachten Platz entspricht.

Ich darf im Tempel bleiben, während die Balinesin sich der Zeremonie anschließt. Genau verstehe ich nicht, was geschieht. Drei Tänzerinnen tragen orange-gelbe Roben und bewegen sich anmutig und langsam im Kreis, ihre Hände zu kunstvollen Verschränkungen drapiert. Sie führen einen Tanz auf, der eine Glaubensgeschichte darstellt. Es ist eine schöne Zeremonie, die mehrere Stunden dauert. Bali ist auch als „Insel der Tausend Tempel“ bekannt. Es gibt Grundtempel oder auch Ursprungstempel, Versammlungstempel, Haustempel, Todestempel, Opfertempel, Kleintempel…die Liste ist lang und genaue Definitionen gibt es nicht.

Die Religion ist für die Balinesen mehr, als wir Westler vielleicht verstehen können. Auf Bali begleitet der Glaube mit seinen Festen, Ritualen und Bräuchen die Menschen von Geburt an (das Initiations-Fest, bei dem der Fuß eines Neugeborenen zum ersten Mal den Boden berührt) bis zum Tod (Beisetzungen, die mit der Familie und der ganzen Dorfgemeinschaft gefeiert werden und zu unterhaltsamen Festen ausarten). Die Religion leitet das Familienleben, die Gemeinschaft untereinander und die Gesinnung eines ganzen Volkes.

Beeindruckt verlasse ich den Tempel am Abend, verabschiede mich, genieße den sagenhaften Ausblick über die Reisterrassen, die tropischen Wälder. Die Schönheit auf Bali trägt sicherlich dazu bei, dass der Glaube hier eine so sanfte, besondere Stellung innehat. Ob auch wir anders glauben würden, sähen wir mehr Schönheit um uns herum? Alles eine Frage des Blickwinkels, denke ich, lächle und schließe die Augen.

Wissenswertes

Die Insel Bali liegt im Indischen Ozean zwischen Java und Lombok.  Hauptstadt der Insel ist Denpasar. Auf Bali leben die Menschen hauptsächlich vom westlichen Tourismus und der Landwirtschaft. Wer die Insel erkunden möchte, tut dies am besten auf dem Fahrrad oder einem gemieteten Roller, den es an jeder Ecke schon für rund 15 Euro gibt. Besonders touristisch erschlossene Orte sind Nusa Dua und Ubud. Es leben etwa 4,2 Millionen Einwohner auf Bali, von ihnen sind rund 92% praktizierende Hinduisten der balinesischen Dharma Religion. Wer dem typischen Monsunregen entgehen möchte, der reist am besten zwischen Juni und Oktober nach Bali. Traumhafte Unterkünfte gibt es preiswert bei airbnb.