Die Ruhe eines Augenblicks- Paris genießen -


Ich habe die Entscheidung getroffen, in Paris nicht in den Louvre zu gehen. Ich muss die Mona Lisa nicht sehen. Ich muss mich nicht durch Menschenmassen drängeln, um ein Ticket für den Eiffelturm zu bekommen, nur um Paris von oben zu sehen. Auch in der Sainte-Chapelle war ich nicht und die Macarons bei Ladurée sind mir einfach zu teuer. Ein Aufruf für mehr Ruhe und Gelassenheit auf Reisen.

Was ich stattdessen gemacht habe? Ich habe Paris zu Fuß erlebt. Habe Straßen, Gassen und Cafés entdeckt, die ich wohl anderweitig nicht gesehen hätte, hätte ich meine Tage auf den ausgewiesenen Touristenpfaden verbracht.

Fear of Missing Out

Warum haben wir eigentlich immer Angst, etwas zu verpassen? Warum reißen wir uns immer darum, jeden Ort zu besuchen, den uns Lonely Planet oder Marco Polo vorschlagen? Haben wir  mit unserer Zeit nichts Besseres zu tun, als immer nur das zu unternehmen, was alle anderen auch machen? Will ich wirklich so reisen, will ich so leben?

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich habe nichts dagegen, die berühmten Wahrzeichen einer Stadt zu besuchen und einmal so richtig Tourist zu sein. Aber ich habe gemerkt, dass am Ende einer Reise, die aus Museum, Kathedrale und Kirche A, B und C besteht, mich die Tage ausgezehrter zurück lassen, als meine ellenlange To-Do-Liste es zu Hause bereits tut.

Dieses Phänomen, auch Fear of Missing Out (FOMO), genannt, ist ein gesellschaftliches Zwangbild. Angst und Beklemmung überfallen uns, wenn wir das Gefühl bekommen, etwas zu verpassen. Wenn wir etwas an einem neuen Ort nicht machen, wovon doch alle so geschwärmt haben.

„Du bist in Paris?“

„Ja!“

„Dann musst du den Eiffelturm besteigen. Wenn du das gemacht hast, fährst du am besten zum Fotostopp nach Saint-Germain, dann nimmst du die Bahn zurück zur Île de la Cite, vergiss aber nicht, vorher..“

Verpasste Momente

Und schon rennen wir von einer Sehenswürdigkeit zu nächsten, schießen ein Foto und verpassen den Moment, der dort vielleicht gewartet hätte, wären wir nur länger stehen geblieben. Wir werden niemals genug Zeit haben, alle Länder dieser Welt so aufmerksam zu sehen, dass wir sagen können: „Ich habe ALLES gesehen.“ Das ist unmöglich. Und es ist gut, dass es unmöglich ist! Wir können niemals alle Bücher dieser Welt lesen, alle Filme sehen, jedes Theaterstück. Es wird immer etwas geben, das wir noch nicht gesehen, gehört, gemacht, gelesen, gegessen, getrunken, genossen haben.

Spaziergang an der Seine in Paris: Mit den Gedanken wandern gehen

Wenn ich immer nur dem hinterherlaufe, was ich als nächstes tun will – dann vergesse ich, was ich eigentlich schon alles getan habe und gesehen habe, denke ich. Hole mir ein ofenwarmes Croissant aus der kleinen Boulangerie irgendwo im 1. Arrondissement. Ich liebe Paris, weil man hier träumerisch durch die kleinen Gassen wandern kann: Ich bin losgezogen, ganz ohne Stadtplan und ohne Reiseführer. Habe beschlossen: Schau doch mal, was passiert, wenn du dich einfach treiben lässt. Es ist warm, die Sonne strahlt vom Himmel, eine U-Bahn-Karte habe ich auch nicht und so starte ich meinen Spaziergang durch die Stadt.

Mein Bauchgefühl schickt mich nach links und dann stehe ich vor der prachtvollen Außenfassade der Pfarrkirche Saint-Eustache. Ich staune, bewundere die unverwechselbare Ähnlichkeit zu Notre Dame. Im kühlen Kirchenschiff lerne ich, dass der Baumeister der Kirche gänzlich unbekannt war. Ich bin allein hier, sitze eine Weile unter den majestätischen Deckenbalken und wundere mich, ob es heute noch Menschen gibt, die mit solch gewaltiger Vorstellungskraft Visionen schaffen, wie sie diese Kirche für mich darstellt.

Ich beschließe, an der Seine entlang zu wandern und die Menschen zu beobachten. Familien, viele verliebte Paare, aber auch einsame Wanderer wie ich. Ich komme tatsächlich am Nachmittag vor der herrlichen Notre Dame zum Stehen, bleibe aber draußen. Neben mir hat ein alter Mann Stellung bezogen, der mit einem antiken Akkordeon französische Chansons spielt und singt.

Paris und die Gelassenheit

Um uns herum knipst eine japanische Touristenhorde Fotos, aber ich lächle und bin ganz bei mir, weil ich nicht den Wunsch verspüre, aufzuspringen und meine Kamera hervorzuholen. Viel lieber höre ich mir noch drei weitere Lieder des Sängers an, kaufe ihm am Ende eine seiner CDs ab und gehe am anderen Seineufer eine steile Treppe hinunter.

Spontan landet ein Ticket für eine Bootsfahrt in meiner Hand und während ich mir am hinteren Ende des Bootes eine Bank sichere, lasse ich mir genüsslich ein Eclair schmecken. Der Eiffelturm aus der Ferne ist in der untergehenden Sonne über dem Wasser hübsch anzusehen. An beiden Uferseiten haben Straßenhändler und Künstler ihre Stände aufgebaut und preisen ihre Ware an. Das Boot gleitet unter den Pariser Brücken hindurch und ich genieße es, dass mich niemand zwingt, die Namen aller Brücken auswendig zu wissen, nur weil ich sie gesehen habe.

Die Kunst, in Ruhe zu Leben

Auf dem Heimweg zu meinem gemütlichen Hotel finde ich eine Brasserie, in der ich mir einen grünen Salat mit Spargel und eine Zwiebelsuppe gönne, bevor ich vor meinem geöffneten Fenster sitze und mich wundere, warum die Dächer von Paris gerade in der Nacht noch schöner werden.