Slow Travel- Warum langsames Reisen so wichtig ist -


Sie steht an der Straßenecke, ganz gelassen, und trotzdem zieht sie alle Blicke auf sich. Sie trägt ein schickes Kleid zu Sandalen mit hohen Absätzen, einen großen Hut, das lange Haar in offenen Wellen. In der einen Hand hält sie ein Eis mit Sahne in einer großen Waffel, an der anderen führt sie ihren Pinscher mit einer Leine spazieren. Aus einer Ladentheke heraus lehnt sich ihr ein lachender Mann entgegen. Sie scherzen miteinander, flirten ganz offensichtlich, sie isst genüsslich ihr Eis und lässt sich nicht beirren.

Das schnelle Italienisch des Paares kann ich nicht ganz verstehen, doch ich höre, dass sie beide Gefallen einander finden, sich jedoch nie aufeinander einlassen würden. Sie verabschieden sich, er reicht ihr ein großes Stück Käse aus seiner Auslade, sie verpackt es gekonnt in ihrer Handtasche, die unter ihrer Achsel baumelt und Eisessend schreitet sie über das Kopfsteinpflaster davon, sich den Blicken des Käsehändlers im Rücken ganz bewusst.

Ich beobachte diese kleine chiacchierata, wie die Italiener einen Plausch nennen, lächelnd und sitze mit meinem eigenen Eis (zwei Kugeln Schokolade, einmal Zitrone) auf einem erhöhten Absatz unterhalb einer dieser großen Kirchen, die überall in Florenz stehen und zum Verweilen einladen.

Den ganzen Tag über werden mir die Frau mit dem Eis und der flirtende Käsehändler nicht aus dem Kopf gehen, während ich durch die aufgeheizten Straßen wandere, mal hierhin, mal dorthin schlendere und mir bewusst mache, dass ich die Lektion, die die beiden mir erteilt haben, verinnerlicht habe.

Sie leben in den Tag hinein, sie SIND das dolce far niente. Nehmen sich Zeit für Eis und Flirt, obwohl sie verkaufen müssen, arbeiten müssen, ihren Hund ausführen müssen. Ich glaube, sie wissen es besser — denn sie haben das MÜSSEN aus ihrem Wortschatz gestrichen.

Italiener haben eine andere Einstellung vom Leben und vom Alltag, das wurde mir schon bei meiner ersten Reise nach Rom im Jahr 2011 klar. Bei ihnen haben andere Worte ihren Platz in der Sprache gefunden: Zeit, Genuss, Leidenschaft. Il tempo, la delizia, la passione.

Kein Italiener, den ich kenne, würde aus einem Urlaub oder von einer Reise zurückkommen und sich müde fühlen, ausgelaugt sein und am liebsten noch eine Woche Urlaub nachschieben. Nein, denn die Italiener sind Meister darin, Alltagsinseln zu bauen, wohin auch immer sie gehen. Sie müssen nicht einmal im Jahr in den Urlaub fahren (auch wenn sie es natürlich liebend gerne tun, um am Strand zu entspannen!), um sich von allen Strapazen zu erholen. Ihre Strategie ist viel einfacher. Ganz sicher haben auch die Eisesserin im Kleid und der Käsehändler ganz genau verstanden, wie sie ein gutes Leben führen können.

Was genau haben sie mich gelehrt? Was haben sie mir mit auf den Weg gegeben, während ich mich voller Ruhe und Gelassenheit durch die engen Gassen von Florenz treiben lasse, keine Ahnung habe, wohin ich gehe, atemberaubende Deckengemälde in einer abgelegenen Kirche bestaune und am Ende des Tages eine der besten veganen Pfannkuchen in einer winzigen Trattoria esse, die ich je gekostet habe?

Ich habe verstanden, dass langsames Reisen der Schlüssel dazu ist, einen Ort wirklich zu erfahren. Mir geht es mittlerweile nicht mehr darum, an einem Ziel alles nur an der Oberfläche anzukratzen und weiterzuziehen, damit ich möglichst viel sehen und erleben kann. Ich habe keine Lust, den Druck der Leistungsgesellschaft, den Ärger und die dauerhafte Beschallung aus Deutschland mitzunehmen, wenn ich meinen Rucksack schultere. Loslassen ist das Zauberwort. Lasciare.

Und auch in meinen Alltag zu Hause will ich mir mitnehmen, was mich meine Italiener auf meinen Reisen gelehrt haben. Wenn der Bauch nicht mehr spannt, die Schultern nicht mehr verkrampfen und der Kopf plötzlich Ruhe gibt, entfaltet Slow Travel seine Wirkung.

Also:

  • Tu auf deiner Reise nur das, worauf DU Lust hast!
  • Löse dich von gesellschaftlichen Dogmen und Erwartungen und mache dein Ding!
  • Genieße die Langeweile — Waiting is Happiness!
  • Überdenke deine Reise-Prioritäten neu und setze sie anders!
  • Sei offen für andere Menschen und ihre Lebensweisen, sie könnten dich begeistern!

Ganz sicher wirst du dann eine neue Seite in deinem ganz persönlichen Reisebuch aufschlagen und nie wieder zurückblättern wollen.

Wissenswertes

Gefällt euch mein Schreibstil? Dann habe ich vielleicht noch einen besonderen Tipp für euch: Anfang diesen Jahres habe ich meinen ersten Roman herausgebracht. Er heißt "Das Leben malt in bunten Farben" und worum es darin geht, erfährst du in meinem Blogartikel "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt". Ich würde mich freuen, wenn du einen Blick ins Buch wirfst! Deine Julia