Unterwegs in der Wildnis- Toskana, die Natur und eine Melodie -


Hat dich schon einmal eine Melodie durch einen Moment deines Lebens getragen? Hast du immer wieder diesen einen Ton gehört, den Rhythmus gespürt, zum Bass getanzt, mitgesungen und gewusst: Dieses Lied wird mich nie mehr loslassen? In den unendlichen Weiten der Toskana hat sich ein Lied dazu entschlossen, ein Teil von mir zu werden – oder vielleicht habe auch ich es zu einem Teil von mir gemacht.

Seit drei oder vier Stunden habe ich niemanden mehr gesehen. Nicht vor mir auf der Straße, nicht hinter mir auf dem Wanderweg, auch nicht rechts oder links neben mir in den grünen Weinbergen. Die Zikaden geben ihr Bestes, feuern mich mit ihrem zirpenden Gesang dabei an, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die Sonne brennt auf mich und meinen kleinen Wanderrucksack hinab, meine Internetverbindung habe ich hier inmitten der Monti del Chianti längst verloren. Irgendwo hier treibe ich mich herum, zwischen Pinien, Zypressen, Olivenbäumen, zwischen Greve in Chianti und Montefioralle.

Ich will ein Ehepaar besuchen, das ein Gästehaus in den Hügeln hat, sich über Besuch immer wieder freut. Aber so ganz ohne Navigation…

Hinter mir knirscht der Kies, die Zikaden verstummen, ich höre Reifen durchdrehen. Dann wirbelt der Staub hoch und ein alter Ford rauscht mit weit geöffneten Fenstern an mir vorbei. Vier Jugendliche sitzen im Wagen, von der Rückbank aus lassen die Mädchen ihre langen, braungebrannten Beine aus den Fenstern hängen. Sie lachen, singen, grölen mit zum Song, der blechern aus dem Radio schallt.

Un’altra notte finisce
e un giorno nuovo sarà
Anna non essere triste
presto il sole sorgerà
di questi tempi si vende
qualsiasi cosa anche la verità
ma non sarà così sempre
perché tutto cambierà… cambierà

Sie winken, ich winke zurück. Sicher hätten sie mich mitgenommen, hätte ich gefragt, aber ich sehe ihnen nur nach, wie sie davonbrausen, glücklich und zufrieden in ihrer jugendlichen Leichtigkeit abseits des Trubels der Großstädte. Sie genießen die Weite hier draußen, sind froh, dass sie niemanden mit ihrem Gesang stören – vielleicht kümmern sie sich auch gar nicht darum. Die Musik klingt noch ewig in der Luft, während ich den Reifenspuren folge, fast tänzelnd, als würde ich im Rhythmus des italienischen Liedes wandern.

Per ogni vita che nasce… cambierà
per ogni albero che fiorirà… cambierà
per ogni cosa del mondo… cambierà
finchè il mondo girerà… cambierà

Ein Lied von einem Neuanfang, denke ich, während ich weiterlaufe. Von einer Zeit, in der nichts beständig ist, in der alles sich ändern wird, weil das Leben ein Kreislauf ist. Schön, finde ich.

Dass ich lächle und mittlerweile den Takt des mir bis vor wenigen Minuten noch unbekannten Liedes summe, fällt mir erst auf, als ich die Zikaden vermisse.

Jetzt bin ich diejenige, die für sie singt, ihnen ein Konzert zum Besten gibt, mit ihnen die unendliche Weite zwischen strahlendem Himmel und duftender Erde ausfüllt.

Per ogni vita che nasce!“, singe ich. „Per ogni albero che fiorità. Per ogni cosa del mondo finchè il mondo girerà.“ Keine Ahnung, ob das, was ich da singe, richtig ausgesprochen ist, ob ich die italienischen Wörter richtig verstanden habe – es kümmert mich nicht.

Jetzt zählt nur noch die erhebende Melodie, die Freude am Dasein, der Genuss des Moments. Ich bin glücklich.

Zwei Stunden später habe ich das Gästehaus von Maria* und Renato* gefunden, hüpfe ihnen regelrecht durch das Gartentor entgegen. Ihr Haus steht auf einem Hügel, der einen Weinberg überblickt. Die Sonne geht gerade unter, goldene Sprenkel überziehen das Gras.

Sie haben schon gewartet. Es gibt Abendessen, dazu frischen Chianti und eine Geschichte meiner Gastgeber. Später sitze ich alleine hinter dem Haus und schaue in die Sterne. Hier draußen wird es richtig dunkel, denke ich. Hier gibt es nur die Sterne als Lichter in der Nacht. In der Küche klappern Töpfe, Maria hat sich das Radio eingeschaltet. Ich fange an zu lachen, als ich das Lied höre.

Già si vedono
lampi all’orizzonte però
nei tuoi occhi io mi salverò
già si sentono
tuoni aprire il cielo però
grida forte e sai che correrò
tutto cambierà

Ja, jeder Sturm im Leben zieht immer weiter. Egal, welche Herausforderungen uns begegnen, wir können sie überwinden, wenn wir nur daran glauben.

Maria singt, ich summe mit, die Sterne glitzern und ich bin mir ganz sicher, dass ich dieses Lied nie wieder vergessen werde.

*Die Namen habe ich auf Wunsch verändert

Wissenswertes

Greve in Chianti gehört zu den Hauptstädten im Chianti-Gebiet und liegt zwischen dem Val d’Arno und dem Val d’Elsa. Jedes Jahr finden hier Weinmessen statt. In Montefioralle, einem Dorf rund 1,5 Kilometer von Greve entfernt, leben nur 80 Menschen auf rund 350 Metern Höhe. Das Castello di Montefioralle, die Festung, war im Mittelalter sehr bedeutsam und wurde im 13. Jahrhundert fast vollständig zerstört und kann heute noch besichtigt werden.

Der Song Cambierà stammt vom italienischen Musiker Neffa, der eigentlich Giovanni Pellino heißt. 2006 veröffentlichte er sein Album Alla fine della notte, das sich 41 Wochen in den italienischen Charts hielt. 2008 wurde Cambierà in Deutschland in der Werbung der Marke Ramazzotti genutzt und extrem beliebt.

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade "Dein liebster Reisesong", den Martina auf ihrem Blog "Wanderhunger" ins Leben gerufen hat.