Multikulti in Malmö- Zu Besuch in der Heimat von Zlatan Ibrahimovic -


Die Schweden sagen, wem Schweden zu schwedisch ist, der sollte einmal nach Malmö reisen. Kein Wunder also, dass der berühmteste Sohn der Stadt bosnische Wurzeln hat und arabische Kirchererbsenbällchen als Regionalgericht gelten.

Als wir mit der Fähre auf den Hafen von Malmö zulaufen, ist es für schwedische Verhältnisse brütend heiß: 28 Grad warme Luft liegt wie eine schwere Decke über der Stadt, in der sonst so häufig ein eisiger Südwest-Wind bläst.

Kurz vor dem Anleger passieren wir Västra Hamnen, Malmös jüngsten Stadtteil mit modernen Glas- und Stahlbauten. Die teuerste Villa mit 13 Zimmern und 442 Quadratmetern, so raunen sich die Einheimischen hier zu, gehörte bis vor wenigen Monaten einem der bestbezahltesten Fußballspielern der Welt: Zlatan Ibrahimovic. Und obwohl Prunk und Zur-Schau-Stellung so gar nicht zur schwedischen Mentalität passen, verzeihen sie es hier dem Sohn der Arbeiterfamilie, dessen eigene Geschichte so viele Parallelen zur Stadt selber aufweist.

Die Bronx von Schweden

Ursprünglich nämlich war Västra Hamnen das Industriezentrum der Stadt. Hier liefen die Schiffe der Werft Kockum vom Stapel und Saab fertigte seine Autos. Mitte der 90er Jahre dann der Einbruch: Auf die Jahre andauernde Werftenkrise folgten Arbeitslosigkeit und Kriminalität. 1995 hatte Malmö die höchste Arbeitslosenquote im ganzen Land.

Kein Wunder also, dass der Legende nach nicht nur die Seeleute Tränen vergossen, als das einstige Wahrzeichen der Stadt, der Portalkran von Kockum, schließlich für nur einen Dollar nach Korea verkauft wurde.

Doch diese bitteren Zeiten sind vorbei. Inzwischen hat sich das Stadtbild gravierend verändert. Rund 318 000 Menschen leben heute in Malmö, zwei Drittel von ihnen sind unter 45 Jahre alt. Sie studieren an der 1998 gegründeten Universität zum Beispiel Informations- und Umwelttechnologie oder pendeln, der günstigeren Mieten wegen, zur Arbeit nach Kopenhagen. Västra Hamnen ist zum Zentrum der Medienmacher und IT-Technologen geworden.

Als wir endlich anlegen, ist von roten Sommerhäuschen keine Spur. Dafür zeigt sich der Stadtstrand „Ribersborgsstranden“, kurz „Ribban“ genannt, an Tagen wie diesen von seiner schönsten Seite. Hierher kommen die Malmöer am Wochenende, wenn sie auf ihren Touren über die insgesamt 490 Kilometer Radweg auf der Suche nach Erfrischung im kühlen Nass sind. Heute aber ist Montag und die „Copacabana“, wie die Malmöer ihr kleines Paradies an der Küste bezeichnen, ist fast menschenleer.

Endlich Schwedenhäuser

Wir fahren ins Zentrum und entdecken schließlich doch noch ein paar kleine bunte Holzhäuser, in denen seit Jahrzehnten frischer und geräucherter Fisch verkauft wird. Von hier aus gelangen wir in die Altstadt, Gamla Staden. Während in den 50er bis 80er Jahren ganze Viertel Malmös im Rahmen einer Totalsanierung dem Erdboden gleichgemacht wurden, stehen hier noch kleine schonische Fachwerkhäuser mit hanseatisch anmutendem roten Backstein-Charme.

Ein Stückchen weiter südlich, in der Nähe des großen Triangeln-Platzes, geht es hip zu. Selbst an kühleren Sommertagen als dem heutigen tummeln sich hier die jungen Hipster, Medienmenschen und IT-Nerds, die tagsüber ihre Startups auf dem alten Werftgelände hochziehen. Nach Feierabend, typisch schwedisch um kurz nach 17 Uhr, sammeln sie sich in den schicken Restaurants am „Möllan“, wie sie das Multi-Kulti-Viertel Möllevången liebevoll nennen. „Möllan – das ist so farbenfroh wie Berlin“, erzählt uns die Kellnerin stolz. Und tatsächlich beschreiben die Attribute arm und sexy das ehemalige Arbeiterviertel recht gut. Nur das Bier ist hier teurer: acht Euro kostet ein großes Glas. Dafür haben genau wie in unserer Hauptstadt auch hier die Mietpreise in den vergangenen Jahren kräftig angezogen. Musiker, Künstler und Studenten mag allein das nicht abschrecken.

Falafel sind Regionalgericht

Wem Schweden zu schwedisch ist … ja der findet hier genug Alternativen. An jeder Ecke steht eine Falafel-Bude, die Kichererbsen-Bällchen gelten als Regionalgericht in Schwedens südlichster Stadt. Daneben reihen sich afrikanische an indische, türkische an chinesische Schnellimbisse.

Menschen aus 178 Nationen leben in Malmö, die meisten von ihnen stammen aus dem Irak, aus Jugoslawien, Dänemark, Polen und Bosnien-Herzegowina. In Vierteln wie Rosengård, der ursprünglichen Heimat von Fußball-Star Ibrahimovic, liegt der Migrantenanteil bei 85 Prozent und die Arbeitslosigkeit bei 62 Prozent.

Zlatan hat sich freigekämpft – aus Armut und Plattenbau. Und auch Malmö genießt heute internationales Ansehen. Mitverantwortlich dafür ist ausgerechnet der Kockumskran, der der Stadt vor seinem Abtransport noch einen letzten Dienst erwies: Er verlud die Fundamente für die Pfeiler der Öresundbrücke. Seit die Brücke nach Kopenhagen im Jahr 2000 fertig gestellt wurde, ist das Zentrum der dänischen Hauptstadt mit dem Zug in nur einer halben Stunde erreichbar. 60 000 Menschen überqueren seither täglich im 20-Minuten-Takt die Ostsee und die Landesgrenze. Und so verwandelt die Brücke ganz still und heimlich das einst in südschwedischer Abgeschiedenheit vor sich hin fristende Malmö in eines der aufstrebenden Hipster-Zentren Europas.

Der Artikel ist zuerst auf web.de und gmx.net erschienen.

 

Wissenswertes

Schaut euch Malmö mal an! Von Hamburg dauert die Fahrt über die Öresundbrücke nur rund fünf Stunden, Tickets für eine einfache Fahrt ab Hamburg gibt es aktuell ab 39 Euro.