Kunst in Paris- Auf den Spuren der Schönheit -


„Kunst hat die Aufgabe wachzuhalten, was für uns Menschen so von Bedeutung und notwendig ist“, sagte einmal Michelangelo Buonarotti, in der Welt besser bekannt als der berühmte italienische Maler, Architekt, Dichter und Bildhauer der Renaissance und Schöpfer der Erschaffung Adams in der Sixtinischen Kappelle im Vatikan. Was der Künstler so treffend in Worte zu fassen wusste, ist heute wichtiger denn je: In Zeiten von Hektik, Digitalsucht und Bedeutungslosigkeit ist das, was uns aus dem Alltags- und auch Reisetrott reißt, ein Weckruf für die Seele. 

Auf meiner Reise nach Paris bin ich auf den Spuren etlicher Meister der verschiedensten Künste gewandelt und bin mehr als einmal aufgewacht. Habe innegehalten. Habe gestaunt. Mich begeistern lassen. Habe keine Worte für die schönen Dinge gefunden, die sich vor mir entfaltet haben. 

Meinen ersten Moment in andächtigem Staunen habe ich vor der Glaspyramide verbracht, die von vielen Parisern nur naserümpfend und mit einem unwirschen Kopfschütteln bedacht wird. 

Ich weiß bis heute nicht recht, was ich von der ägyptisch anmutenden Pyramide des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei halten soll. Sie wacht wie eine kalte Hüterin über der unterirdischen Eingangshalle des Louvre, thront auf etlichen der größten Kunstschätze der Welt. Obwohl sie über 20 Meter hoch und mehr als 30 Meter breit ist, wirkt die gläserne Konstruktion auf mich nicht gewaltig oder schwer, sondern luftig, netzartig — sie setzt den Museumspalast aus dem 13. Jahrhundert in einen modernen Kontrast. 

François Mitterand gab die Pyramide in den 1980er Jahren trotz vehementer Kritik in Auftrag und setzte ein Zeichen, im wahrten Sinne des Wortes. Für mich ist die Glaspyramide mehr als nur eine fotogene Architektur: Sie ist Kunst, die den Weg zur Kunst bereitet. 

In den Tiefen des Louvre von Paris gibt es nicht nur die Mona Lisa, sondern auch ein anderes Gemälde, das zu meinen liebsten Kunstwerken der Welt zählt. Die Freiheit führt das Volk von Eugène Delacroix ist ein gewalttätiges, schockierendes, ausdrucksstarkes, mich vollkommen vereinnahmendes Kunstwerk aus dem Impressionismus. Delacroix erinnert mit seiner Darstellung an die Julirevolution 1830, als die Bevölkerung von Paris sich gegen den Adel auflehnt. Die blutigen Kämpfe auf den Barrikaden in der Stadt werden angeführt von einer Frau, von der ich mich nicht lösen kann. Sie ist die Marianne, die französische Nationalikone; sie ist die göttliche Kraft, die die Schwachen trägt und sie zu den Starken werden lässt; sie ist das Symbol für eine aufbegehrende Freiheit, wie sie heute nur noch selten in der Kunst zu finden ist. 

Wie schafft es ein Maler, solche Gefühle auf einer Leinwand zu bannen? Wie schafft er es, dass ich vergesse, dass ich in Paris in einem Museum inmitten tausender Besucher stehe, den Mund leicht geöffnet, den Blick entrückt in eine andere Welt? 

An einem anderen Ort inmitten von Paris ist es immer kühl und still. Das Panthéon, die nationale Grabstätte und Ruhmeshalle, beherbergt nicht nur das riesige Pendel, mit dem Foucault einmal die Erdrotation beweisen konnte, sondern auch die letzten Ruhestätten anderer Persönlichkeiten Frankreichs. In den unterirdischen Gängen wandelt man in der Erinnerung zwischen Mirabeau, Voltaire, Victor Hugo, Louis Braille, Marie und Pierre Curie, Alexandre Dumas und Rousseau umher. Mich beeindruckt die gewaltige, dramatisch ausgestaltete Halle, in der das unbezahlbare Wissen und die Schaffenskraft all dieser Menschen bewahrt zu werden scheint. Genauso fasziniert mich das Gefühl des einmaligen Künstlerdorfes Montmartre. Heute stehen Straßenkünstler für die Touristen auf dem Platz, aber früher, vor beinahe zwei Jahrhunderten, konnten sie hier frei sein, die Maler Renoir, Van Gogh, Toulouse-Lautrec, Picasso, Pigalle, Degas, Cézanne, Matisse…die, die wir heute als die Meister der Kultur bezeichnen, haben sich an diesem Ort einmal die Hand gegeben, teilten ihre Begeisterung für das Leben und für ihre Leidenschaften. 

Als würde ihr Geist noch immer zwischen den Steinen der grasbewachsenen Steinmauern stecken, die sich den Hügel hinauf schlängeln…

Ich hoffe, dass ich auf meinen Reisen durch die Welt nie das Auge für die Schönheit an allen Ecken verlieren werde — und dass ich, ganz nach Michelangelo, immer wach bleibe, um die Kunst zu erkennen, wenn sie um mich herum geschieht.