Das Leben malt in bunten Farben- Kapitel 1 exklusiv auf waiting is happiness lesen -


Was ist es, das du wirklich vom Leben willst? Diese Frage hat mich umgetrieben, als ich mein erstes Buch „Das Leben malt in bunten Farben“* geschrieben und veröffentlicht habe. Heute möchte ich euch teilhaben lassen an der Geschichte von Annamaria und Henri, die sich diese alles entscheidende Lebensfrage stellen müssen. Lest das erste Kapitel des Buches hier exklusiv auf dem Blog.

Das Meer rauschte unter seinen Füßen und brach sich in schäumenden Wellen an den Felsen. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, er zurrte seinen Mantelkragen enger um die dünnen Schultern und den Hals, als er langsam näher an die Klippe herantrat, um das berauschende Naturschauspiel unter seinen Füßen zu betrachten. Fast meinte er, das spritzende Salzwasser auf seinen Lippen schmecken zu können. Eine Möwe flog kreischend über den Himmel, an dem sich graue, stählerne Wolkenwände zusammenbrauten. 

Wenn die Nacht hereinbricht, wird von den tosenden Fluten nichts mehr zu erkennen sein, dachte der Mann. Und auch von dir selbst wird bald nichts mehr zu sehen sein. 

Er hielt seinen grauen Hut auf dem weißen Haar umklammert, damit er in der Brise nicht davonflog. 

Je näher er an den Felsvorsprung herantrat, desto lauter begann sein Herz zu klopfen. In dem Moment, als er erfahren hatte, dass seine Zeit bald abgelaufen sein würde, hatte es begonnen, so fordernd in seiner alten Brust zu hämmern, dass es ihm vorkam, als wolle es noch einmal die Leistung eines ganzen Lebens erbringen, bevor es für immer verstummen sollte. Die Möwe flog einen weiteren Kreis über seinem Kopf, und seine klaren, grünen Augen, folgten ihrem Flügelschlag. Sie war frei, dorthin zu fliegen, wohin auch immer es ihr beliebte. Ihre Zeit war nicht begrenzt — sie hatte noch etliche Flüge vor sich, die sie an unbekannte Orte und in ungeahnte Weiten bringen würden. 

Nachdem er eine Weile so dagestanden hatte, trat er vom Felsrand zurück und steuerte auf eine knorrige Bank zu, deren roter Anstrich längst verblasst war. Ein hölzerner Gehstock mit goldenem Griffstück lehnte daran. Im zunehmenden Brausen des Windes fasste der alte Mann den Stock mit der Rechten und folgte einem schmalen Pfad, der hinab in ein Tal führte; weg von der Klippe, dem Meer und der Freiheit der Möwen. 

Es war ein langer Abstieg. Je weiter er nach unten wanderte, desto langsamer wurden seine Schritte. Stille umfing ihn, er konnte den nahenden Abend riechen. Es war ein ungewöhnlich milder Winter gewesen, sodass kein Schnee auf dem Pfad zu erkennen war. Wann hatte er den letzten Schnee erblickt? Er konnte sich nicht erinnern. Seine Hand auf dem Gehstock wurde kälter, die Linke hatte er schützend in der Tasche seines Mantels versteckt. Vor ihm erschienen die Lichter eines im Tal gebetteten Hauses, es stand allein und abgeschieden. Rauch stieg aus dem Kamin am hinteren Teil der Steinmauer empor. Er war froh, dass die Flammen des Feuers sein klammes Gesicht aufwärmen würden. 

Der Wind zerrte an ihm, bauschte seinen Mantel auf, und für einen kurzen Moment blieb er stehen, warf einen Blick über die Schulter und spitzte die Ohren, lauschte nach dem fernen Grollen der sich brechenden Wellen. Tröstlich umfing ihn der altbekannte Klang. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er an diesen Felsen gekommen war, um bedeutende Entscheidungen im Leben zu treffen. Auch heute war er dort hinaufgestiegen, um nach einer Antwort zu suchen. Das Meer hatte schon immer eine unerklärliche Faszination auf ihn ausgeübt. Immer wieder zog es ihn dorthin zurück, wo er sich dem Rauschen der Wellen hingeben konnte.  

Die Ärzte gaben ihm sechs Monate Zeit, wenn er die verordnete Medikation einnahm, vielleicht sogar ein Jahr. Er war nie ein großer Freund von Medikamenten und Heilung heischender Pillen und Salben gewesen. Schon gar nicht wollte er sich an ein Bett fesseln lassen, um von allen Seiten durchleuchtet zu werden. Seine alten Knochen gaben ihm auch so zu verstehen, was er in seinem Herzen spürte. Man versicherte ihm, dass er die kommenden Wochen ohne Beeinträchtigung seiner Motorik und seines Geistes würde weiterleben können, was gut war, denn seine Hände und sein Geist waren das, was er brauchte, um zu schaffen, was er sich vorgenommen hatte. 

Mit zittrigen Fingern holte er einen Schlüssel aus der Innentasche des Mantels hervor, schloss die Haustür auf, trat über die Schwele, nahm langsam Hut, Schal und Mantel ab und drapierte alles sorgsam auf einem Kleiderständer. Der runde Raum war erfüllt von einer schweren, räuchernden Wärme. Seine Wangen glühten. Er setzte einen altmodischen Teekessel auf einen Herd in einer niedrigen Küchenzeile. Neben dem prasselnden Feuer im Kamin stand ein mit rotem Samt bezogener Sessel, der schon etliche Jahre über sich gebracht hatte — genau wie sein Besitzer, der sich wenige Minuten später mit einer dampfenden Tasse Kräutertee in die aufgewärmten Tiefen des Sessels fallen ließ und ein Seufzen ausstieß. 

Der Ausflug hatte ihm gutgetan. Stillschweigend starrte er für sehr lange Zeit in die Flammen, lauschte den knackenden Holzscheiten und trank in kleinen Schlucken seinen Tee. 

Sterne funkelten am Himmel, als er sich aufrichtete, die Tasse beiseitestellte und ein vergilbtes Bild aus seiner Hosentasche hervorzog. Die Farben waren verblasst und der untere Teil des Bildes kaum zu erkennen, doch wenn man die Augen scharf zusammenkniff, konnte man das Gesicht einer Frau erkennen: Sie war jung, vielleicht achtzehn, hatte blondes Haar und einen leuchtenden, sehr ernsten Blick aus grünen Augen, die denen des Mannes sehr ähnlich waren. 

Eine Standuhr schlug Mitternacht. Er seufzte erschöpft. Ein neues Jahr brach an, und mit diesem Jahr auch ein Gang, den er nur allein auf sich nehmen konnte. Ein an vielen Ecken geflickter Koffer stand gepackt neben der Eingangstür, darauf ein großes Paket voller Pinsel, Farben, Gläsern, eine Staffelei. 

Der Mann lächelte, als er einen Blick auf seine Habseligkeiten warf, das Foto in seiner Tasche verstaute und aus dem Sessel stieg, um vor seiner morgigen Abfahrt vom örtlichen Bahnhof noch ein paar wenige Stunden Schlaf zu finden. 

Am Nachthimmel, übersät von der unzählbaren Schönheit funkelnder Sterne, zog eine weiße Möwe ihre Kreise, als der Mann die Decke bis an sein Kinn zog und die Augen schloss.

Dir hat das erste Kapitel meines Romans gefallen?

Dann lies unbedingt weiter und hole dir das ganze eBook bei  Amazon im Kindle-Format*, bei Tolino, im iBooks Store, bei Google Books, über Weltbild und bei Thalia.

Lass mich wissen, wie dir mein Roman gefällt…

und teile deine Gedanken hier in den Kommentaren oder schreibe mir eine Mail an julia@waitingishappiness.com. Ich freue mich riesig auf deine Meinung.

Lust auf mehr Geschichten von der Küste?

Dann haben wir hier die passenden Geschichten für dich:

Wissenswertes

Das Leben malt in bunten Farben* steht bei allen gängigen eBook-Händlern zum Verkauf. Du kannst den Roman für 3,49€ erwerben.

Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Links sind sogenannte Affiliate-Links. Wenn ihr auf so einen Affiliate-Link klickt und darüber einkauft, bekomme ich von dem betreffenden Online-Shop oder Anbieter eine Provision. Ihr bezahlt deshalb aber nicht mehr Geld.